Von Marcel

In Rudolf Walter Leonhardts Artikel „Der Dichter und Dramatiker Hans Baumann“ (DIE ZEIT vom 2. März 1962) geht es um die „Bewältigung der Vergangenheit“, zumal um die Schriftsteller, die das „Dritte Reich“ unterstützt haben. Leonhardt möchte sich jenen widersetzen, „die sich des Hilfsmittels der schrecklichen Vereinfachung bedienen“. Man sollte „die Details kennen und die schwer durchschaubaren Verstrickungen“ berücksichtigen. Als konkretes Beispiel, als „Versuch eines Beitrages zur sogenannten Bewältigung der Vergangenheit“, soll die Geschichte des Schriftstellers Hans Baumann dienen, aus dessen Feder eines der berühmtesten Nazi-Lieder stammt: „Es zittern die morschen Knochen...“

Baumann sei zwar begeisterter HJ-Führer und Mitarbeiter der Reichsjugendführung gewesen, doch habe er niemals „HJ-Kampflieder“ geschrieben. Er war „naiv gutgläubig und immer von neuem erstaunt über diese böse Welt“. Als seine charakteristische Eigenschaft wird „eine weltfremde Gutmütigkeit“ bezeichnet. Mit Ausnahme des angeführten Liedes (das der Achtzehnjährige 1932 verfaßt hat) und noch eines Verses, in dem das Wort „Führer“ vorkommt, hat Leonhardt bei „sorgfältigem Durchblättern aller Lieder, die je unter dem Namen Baumann gedruckt wurden, kaum eines gefunden, das nicht gradsogut heute gedruckt werden könnte“. So war also Baumann – entgegen der damals wie heute verbreiteten Ansicht – im Grunde kein Nazi-Dichter.

Ich weiß, daß ungleich reifere und bedeutendere Autoren als er in jenen Jahren Schändliches geschrieben haben. Es ist auch nicht im entferntesten meine Absicht, Baumann heute wegen seiner damaligen Verse anzuklagen. Und es widerstrebt mir, sie zu zitieren. Wenn ich es dennoch tue, so nur deswegen, weil mich die Entdeckung, er sei kein Nazi-Dichter gewesen, dazu zwingt.

In Baumanns Band „Der helle Tag“ (Ludwig Voggenreiter Verlag, Potsdam, ohne Datum) lese ich: „Fähnlein Norkus, zum Sturm! Singend tragen wir die Fahne in die Ferne, Herbert Norkus hebt sie höher in die Sterne. Setzt sie auf jeden Turm – Fähnlein Norkus, zum Sturm!“ Ist das etwa kein „HJ-Kampflied“? Der gleiche Band enthält das Lied „Kameraden, hebt die Fahnen“. Der Refrain lautet: „Führer, gib die Marschbefehle, die uns kein Zweifel bricht. Leuchtend steht vor unsrer Seele Deutschland groß im Morgenlicht,“ Ist das just jenes einzige Gedicht, in dem Leonhardt das Wort „Führer“ fand? In Baumanns Band „Wir zünden das Feuer“ (Eugen Diederichs Verlag, Jena, 1936) heißt es:, „Vor der Fahne, die der Führer trug, ist Deutschland angetreten im heißen Werkraum und am Pflug: Ein Volk lernt beten.“ Muß ich weiter aus den Liederbüchern der HJ und des BDM zitieren? Oder aus der Einleitung Baumanns zu einer Broschüre über Hitler unter dem Titel „Der Retter Europas“ (1942)?

Es ist eben nicht so, daß das nationalsozialistische Regime „es sich in den Kopf gesetzt hatte, ihn (Baumann) zu fördern“. Das war nicht, wie man dieser Formulierung Leonhardts entnehmen muß, eine Schrulle der Reichsjugendführung, sondern eine durchaus logische Handlung: Baumann wurde gefördert, weil er die benötigten Texte lieferte. Die Behauptung, Baumann habe niemals „HJ-Kampflieder“ geschrieben und seine Gedichte könnten „gradsogut heute gedruckt werden“, entspricht also nicht den Tatsachen.

Leonhardts zweite These lautet: Baumann wird seiner Vergangenheit wegen jetzt „verfemt“. So? Tatsächlich?