Werner Haftmann
Der jüngste Träger des Hamburger Lessing-Preises
Von Carl Georg Heise
Der Festakt im Hamburger Rathaus soll am 28. März stattfinden. Der Preisträger wird eine Rede über Lessing halten. Das mag überraschen, denn man kennt Haftmann meist nur als Verfasser von viel beachteten (auch in fremde Sprachen übersetzten) Büchern und Aufsätzen über die bildenden Künste der Gegenwart.
Erinnert sei an das schon 1950 erschienene Werk über Paul Klee, dessen aufschlußreiche Analysen Haftmanns Namen zuerst einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht haben. In Wahrheit aber ist der Lessing-Preisträger ein vielseitig gebildeter Gelehrter und glanzvoller Schriftsteller, der zum Beispiel in seinem „Skizzenbuch zur Kultur der Gegenwart“ einen Aufsatz über Heinrich v. Kleist veröffentlicht hat, welcher zum Besten gehört, was über dieses heute wieder so aktuelle Thema geschrieben worden ist. Hierhin gehört auch sein weitausgreifender, kenntnisreicher Beitrag zum Sammelband „Die Juden in der Kultur“ (Stuttgart, 1961), ganz in Lessingschem Geist.
Nur so ist der bewundernswerte Mut des Hamburger Preiskollegiums zu verstehen, einen verdienten Mann zu ehren, der – freilich nur scheinbar – einer andern „Sparte“ angehört als die bisherigen Träger dieser hohen Auszeichnung.
Der Geist kennt keine Aufsplitterung nach schematischen Kategorien, und gerade wenn er sich so umfassend, manifestiert, erweist er seine weittragende Bedeutung. Ist doch auch Lessing nicht „nur“ ein Dichter gewesen, sondern dazu Religionsphilosoph, Literaturkritiker, theoretisierender Kunstbetrachter, ja, ein hervorragender Journalist, der sich zu Tagesfragen maßgebend geäußert hat, und vor allem ein Meister der Sprache. Haftmanns schöpferischer Beitrag zur sprachlichen Interpretation visueller Erlebnisse wird es vor allem gewesen sein, der ihn als würdigen Artgenossen dieses großen Sprachmeisters des 18. Jahrhunderts der Aufmerksamkeit so nachdrücklich empfiehlt.
Werner Haftmann ist 1912 in Westpreußen geboren, hat erst Maler werden wollen (Arbeit im Atelier von Otto Dix), hat dann in Berlin Kunstgeschichte studiert und abschließend beim Grafen Vitzthum in Göttingen promoviert mit einer Abhandlung über „Das italienische Säulenmonument“ – ein selbstgewähltes Stoffgebiet, das ihn in bezug auf die Arbeitsmethode und sein Verhältnis zum Sinngehalt des Kunstwerks Aby Warburgs Vorbild verpflichtet zeigt.
Schon im Kreise seiner Mitstudenten genoß er eine gewisse scheue Verehrung, und seine Einstellung zu Kunst und Wissenschaft ist den meisten von ihnen leitbildhaft lebendig geblieben. Trotzdem galt er bei den Zunftgenossen als Außenseiter und gilt es auch heute noch, was mehr als berechtigt ist. Beigetragen zu diesem Ruf hat vielleicht sein unruhiges Reiseleben als Bohemien, der überall dort auftaucht, wo es Neues zu sehen gibt. Man sagt, er höre das Gras wachsen, aber man bewundert seine weltweiten Kenntnisse und sein sicheres Urteil.





