Von John Wain

Eine bestimmte Art der Literatur, die gegenwärtig sowohl in Amerika als auch in England gedeiht, ist offenbar ein Ausdruck des Wunsches, etwas zu schreiben, das zwar noch als „Dichtung“ oder „Lyrik“ bezeichnet werden kann, aber leichter herzustellen, leichter zu begreifen und überhaupt lässiger und legerer ist, befreit von der rigorosen sprachlichen Zucht der klassischen modernen Lyrik. Es handelt sich überhaupt nicht um Lyrik, sondern vielmehr um eine Form öffentlicher oratorischer Kommunikation. Diese Lyrik ist Ausdruck und Begleiterscheinung der besonderen Eigenart der Beat Generation, und eines der entscheidenden Merkmale des Beatniks ist, daß die einzige Form künstlerischen Ausdrucks, die er anerkennt, der Jazz ist. Der Jazz-Musiker ist Leitbild und Ansporn jeglicher Beatnik-Aktivität; sein Slang bildet die Grundlage einer neuen Sprache, des Beatnik-Idioms, sein Lebensstil, seine Gewohnheiten, seine Reaktionen werden aufmerksam studiert und reproduziert, und wenn die lyrischen Dichter der Beat Generation ihre Produktion öffentlich zu Gehör bringen, so geschieht es in Begleitung von Jazz-Musik. Der Jazz, der in seinen Anfängen von Leuten kultiviert wurde, die zwar irgendein Instrument virtuos beherrschten, aber keine Noten lesen konnten, lebt vorwiegend von der Improvisation; doch die Improvisation findet in einer Gruppe statt, der Jazz-Band; das Saxophon greift den Einfall der Trompete auf und führt ihn weiter, und so geht es hin und her: Daher ist es für den Jazz-Musiker so wichtig, in einer band zu spielen, mit der er eingespielt ist und deren Stil auch der seine ist. Der Dichter wird offensichtlich als ein zusätzliches Mitglied einer Jazz-Band angesehen. Ferlinghetti etwa hat davon berichtet, wie er zahlreiche Versuche mit Jazz-Platten unternommen hat. „Doch es kam zu keiner wirklichen Verschmelzung stellt er dabei fest. „Ich denke aber, daß wir jetzt, mit den richtigen Musikern, weiterkommen werden.“

Daß für Ferlinghetti, den der Wiesbadener Limes-Verlag kürzlich auch in deutscher Übersetzung herausbrachte, die „Verschmelzung“ so wichtig ist, die „Einswerdung“, und daß er solcher. Wert legt auf die „richtigen Musiker“, zeigt deutlich, daß es sich hier um eine kollektive Arbeit handelt, produziert vor Leuten, die sich als Mitglieder einer Gemeinschaft empfinden, als Völkchen innerhalb eines Volkes. Dieses Publikum ist notwendigerweise unkritisch; im Unterschied zu den normalen Lyrikern unterziehen die Jazz-Lyriker die Produktion anderer Jazz-Lyriker keiner strengen Kritik, und sie stellen auch keine hohen Ansprüche. Der Wunsch, der alleinseligmachenden Haltung teilhaftig zu werden, ist schon genug – genau wie bei gewissen religiösen Sekten.

Die Erwähnung der Religion ist hier durchaus am Platze; denn diese Art der Lyrik ist ein Mittel, sich mit dem Bereich des Jenseitigen in Verbindung zu setzen. Das bewußte Akzeptieren der Zweitrangigkeit – denn in der Welt der Beatniks ist der Jazz-Spieler der König und der Dichter bestenfalls ein Höfling – zeigt deutlich, um was es sich hier in Wahrheit handelt. Jazz ist, in des Wortes wahrster Bedeutung, eine dämonische Musik, ist Sprachrohr und Stimme des „Dämons“. Auf der Höhe ihrer Darbietung erreichen die Spieler den Zustand eines ekstatisch gesteigerten Bewußtseins, und diese Ekstase vermitteln sie durch ihre Musik dem Zuhörer. Dieser Wunsch, die Grenzen der diesseitigen Erfahrung zu überschreiten, ist es auch, der dem charakteristischen Ton der Jazz-Komponisten, dieser eigenartigen Mischung von ekstatisch-frenetischen und träumerisch-verzückten Klängen zugrunde liegt, angefangen von Kerouac bis hin zu Corso. Die höchsten Lobeshymnen, die der Sprachschatz des „hipsters“ enthält, beziehen sich auf den Zustand der völligen Dissoziation: „Out of this world, gone, o cloud nine, way out!“ heißt es da beispielsweise; zu deutsch: „Fort aus dieser Welt, hinübergegangen, auf Wolke neun, weit fort.“ (Das Wort hipster ist unübersetzbar; es bezeichnete ursprünglich den Alkoholiker, der, um seinen Rausch jederzeit und an jedem Ort erneuern und verlängern zu können, in der Gesäßtasche stets eine flache Flasche bei sich führte; inzwischen hat sich der Begriff erweitert und wird jetzt für jede Form der Süchtigkeit verwendet, auch für den Rauschgiftsüchtigen.) Die Jazz-Generation der zwanziger Jahre trank Whisky und Gin; der hipster der vierziger und der fünfziger Jahre rauchte Marihuana, wobei er das Rauschgift sinnig und sittig als „Tee“ bezeichnete. Dieser Unterschied ist nicht ganz unwichtig. Der Süchtige, der unter dem Einfluß von „Tee“ steht, ist nicht rüpelhaft und aggressiv, wie es der Whiskytrinker wäre; er entschwebt ganz friedlich, auf Wolke neun; er ist hinüber, fortgegangen aus dieser Welt.

Der Jazz-Lyriker, der bemüht ist, seine Zuhörer in einen Zustand der ekstatischen Entrücktheit zu versetzen, auf ganz ähnliche Weise, wie es die Jazz-Musik oder eine Dosis „Tee“ tut, ist der depravierte Repräsentant einer Tradition, die auf Plato zurückgeht. In seinem „Ion“ läßt Plato den Sokrates erklären, der Dichter sei „nicht eher vermögend zu dichten, bis er begeistert ist und bewußtlos, und die Vernunft nicht mehr in ihm wohnt.“ Von diesem Außersichsein, diesem heiligen Wahn-Sinn ist den Erzeugnissen der klassischen modernen Lyrik nichts anzumerken; dazu ist sie zu diszipliniert und zu artifiziell. Auch wenn sich der Dichter in einem tranceähnlichen Zustand befunden haben sollte, der sein normales Bewußtsein weit übersteigt, wäre dennoch das resultierende Gedicht für den Geschmack des hipsters nicht ekstatisch genug. Und selbst, wenn es in dieser Beziehung genügen sollte, so würde ihm doch ein wesentliches Gewürz fehlen, das für jeden Autor der Beat Generation obligatorisch ist: der soziale Protest. Die Identifizierung mit dem Jazz-Musiker, und insbesondere mit dem Jazz-Musik produzierenden Neger, entspringt dem Verlangen, sich solidarisch zu erklären mit den Ausgestoßenen und Geächteten, die Brücken der bürgerlichen Konvention hinter sich abzubrechen und sich treiben zu lassen. Es ist daher auch völlig unvorstellbar, daß die Beatnik-Literatur irgend etwas anderes sein könnte als ein rigoroser Antinomismus.

Der englische Romancier und Essayist John Wain steuerte zu dem demnächst bei Hoffmann und Campe erscheinenden Buch „England deutet sich selbst“ eine Bestandsaufnahme der zeitgenössischen englischen Literatur bei, die nicht nur die Position der Beatniks zu bestimmen unternimmt