Von Martin Walser

Geht es hier um „Interna“ des Literaturbetriebes? Gewiß insofern, als die von Martin Walser geschilderten Szenen nur einem kleinen Kreis von Literaten vertraut sind. Aber die porträtierten Kritiker sind ja gerade unseren Lesern alle von dem einen oder anderen Beitrag in der ZEIT her bekannt (Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki sind auch in dieser Nummer vertreten), so daß einige Voraussetzungen bestehen für verständnisvolle Aufnahme des hier Folgenden, das freilich auch einfach als Erzählung gelesen werden kann oder als Charakterstudie. Es soll im Herbst als Teil einer Dokumentation über fünfzehn Jahre „Gruppe 47“ im Rowohlt Verlag, Reinbek, erscheinen.

Lieber Kollege, wenn Du bemerkst, daß Dir der Jahrmarkt, der im Herbst und im Frühjahr mit Buden und Lärm in Deine Stadt kommt, keinen Spaß mehr macht, wenn Du schon Kettenkarussell fahren kannst, ohne in lauten Gesang zu verfallen, gar wenn Du mit den tauben Stoffballen nach Blechbüchsen wirfst und Deine Unterlippe nicht zerbeißt, obwohl Du nicht getroffen hast, dann ist es Zeit für Dich, Frühjahr und Herbst mit anderen Abenteuern zu besetzen. Als einschlägiger Jahrmarkt für Dich empfehlen sich die Frühjahrs- und Herbsttagungen der Gruppe 47.

Schreib also an Hans Werner Richter, Walter Jens oder Walter Höllerer. Es schadet Deinem Brief und Deinen Chancen durchaus nicht, wenn Du, ohne es direkt auszusprechen, merken läßt, daß Du alles gelesen hast, was der Adressat geschrieben und herausgegeben hat. Bei dem, was er herausgegeben hat, genügt die Kenntnis der Vor- und Nachworte. Er sieht dann schon, daß Du es ernst meinst.

Schlimm werden für Dich die ersten Stunden sein. Keiner kümmert sich um Dich. Du mußt zusehen, wie sie .einander begrüßen. Manche gehen mit ausgebreiteten Armen aufeinander zu. Laß Dih nicht täuschen.

Bitte, weigere Dich, schon am ersten Vormittag vorzulesen. Gib Dich so scheu, wie Du bist.

Wenn Du den Lesenden und den Kritikern ein paar Stunden zugehört hast, verzichtest Du vielleicht darauf, jene Gedichte vorzulesen, die ein gutes Schließen der Tür nicht überleben könnten. Du wirst spüren, daß Du im Saal etwa mit der Aufmerksamkeit rechnen kannst, die in der Bahn, im Raucherabteil zweiter Klasse, einem Mitreisenden gezollt wird, der vom Hund seiner Schwägerin erzählt.