R. F., Paris, im Mai

Nach jenem furchtbaren Gesetz, daß Böses fortzeugendimmer Böses gebären muß, löst jede Phase des algerischen Terrors eine nächste, noch schlimmere aus. Was die OAS schon lange zu erzwingen suchte, und manche Beobachter schon lange befürchteten, ist am Montag in Algier Wirklichkeit geworden: Organisierte FLN-Kommandos durchstreiften in Personenwagen die Straßen der europäischen Viertel und eröffneten blindlings und wahllos aus automatischen Waffen das Feuer auf die Menge. Es geschah im selben Moment, als die provisorische Regierung des FLN in Tunis Erklärungen ihres Außenministers Saad Dahlab verbreitete, die das Vertrauen der algerischen Nationalisten in die Vereinbarungen von Evian erneut bekräftigten. Eine neue Welle von Schreckenstaten war die Antwort der OAS am Dienstag.

Die Sequenz des Terrors ist ebenso hoffnungslos wie verbrecherisch. Es ist keine Frage, daß der Prozeß der algerischen Unabhängigkeit nicht mehr aufzuhalten ist; de Gaulle hat in seiner Pressekonferenz wiederum daran erinnert. Und weiter ist es eine Tatsache, daß sich das französische Mutterland innerlich schon fast völlig von Algerien abgewendet hat. Kein einziger Journalist hat in der Pressekonferenz eine Frage zu Algerien gestellt.

Es verhält sich etwa so, daß de Gaulle nie den Ehrgeiz hatte, das algerische Problem zu lösen, sondern es lediglich loswerden wollte, um sich anderen Aufgaben zuwenden zu können? Die Pressekonferenz, in der wieder der Begriff „dégagement“ auftauchte, hat für manche diesen Verdacht bestärkt.

Algerien so rasch wie möglich loszuwerden, damit das Blut des Terrors die französische Fahne nicht mehr befleckt – wenn dies wirklich die Konzeption der französichen Algerien-Politik wäre, so widerspräche sie dem Kern der Vereinbarungen von Evian, die ja den Sinn hatten, die friedliche Zusammenarbeit der Bevölkerungsgruppen herbeizuführen. Denn wenn es dem algerischen Staat überlassen bleiben sollte, die OAS-Eiterbeule auszubrennen, dann muß es zu einer furchtbaren Rassenschlacht kommen, die der Präsenz europäischer Kultur in Algerien auf lange Zeit ein Ende machen wird.

Für de Gaulle hat dieses „dégagement“ nur noch einen Haken: Wie werden sich die in Algerien stehenden Armee-Einheiten verhalten? Werden sie loyal bleiben, wenn die Truppen der algerischen Befreiungsfront gegen die europäischen Quartiere zum Häuserkampf ansetzen?