Als im Herbst 1961 – angesichts der Mauer – jederman sichtbar wurde, was die dem Kanzler Näherstehenden schon seit der Präsidentschaftskrise 1958 wußten, nämlich: daß Konrad Adenauers Zeit abgelaufen sei... als ein großer Teil der Wähler ihm das Vertrauen entzog, und als – seinetwegen – seine Partei die Mehrheit im Parlament verlor... als dann endlich einige Abgeordnete seinen Rücktritt verlangten, da hieß es schließlich: Adenauer muß bleiben, weil er, und nur er, für das Ausland die Bundesrepublik bedeutet. Die Amerikaner vor allem, so hieß es, vertrauten Adenauer; ihn zu entlassen, hieße das Bündnis mit Amerika gefährden. Das Vertrauen der Welt in die gradlinige Politik Adenauers lasse sich auf einen Nachfolger nicht übertragen.

Wir wissen, daß allein dieses Argument, von gutgläubigen Anhängern des Kanzlers vorgetragen, in der Sitzung des CDU-Bundesparteivorstandes am 18. September 1961 – dem Tage nach der Wahlniederlage Adenauers – den Ausschlag gab. So wurde Adenauer wiederum als Kanzler präsentiert, als Übergangskanzler, für kurze Frist...

Nach gerade sechs Monaten, von denen der 86jährige Mann fast die Hälfte krank oder im Urlaub war, steht fest: Adenauer hat der Bundesrepublik im Ansehen bei ihrem wichtigsten Bündnispartner, den USA, einen Schaden zugefügt, der uns teuer zu stehen kommen wird. Der Fußtritt, den Kennedy dem deutschen Botschafter in Washington gab, und den Adenauer, der einst große harte Mann, nur lächelnd quittierte, zeigt, was der Kanzler – und wir – heute in Washington noch gelten.

Kennedy ist entschlossen, sein Land im äußersten Fall sogar der atomaren Zerstörung auszusetzen. Doch will er – konsequent – auch mit dem Gegner im kalten Krieg verhandeln. Vorschläge zu Berlin kamen aus Bonn nicht. Deshalb hat das State Department mühsam und unter äußerster Rücksichtnahme auf die zu erwartenden hysterischen Reaktionen aus Bonn ein Programm zurechtgebastelt, das mit einer minimalen Anerkennung der Existenz der Zone die Freiheit der Wege nach Berlin erkaufen wollte.

Der frühere, vom Kanzler nicht wieder ernannte Außenminister von Brentano, jetzt Vorsitzender der CDU-Fraktion, war wie seit Jahren gegen diese minimale Dosis der Anerkennung der Zone – und immer im treuen Einvernehmen mit Adenauer. Der neue, vom Kanzler bestellte Außenminister Schröder hingegen, stimmte den amerikanischen Vorstellungen expressis verbis zu. Er hatte zwar nicht viel Hoffnung, daß die Sowjets darauf eingehen würden, wie übrigens auch die Amerikaner nicht viel Hoffnung haben; aber daran, daß man verhandeln müsse, ließ er keinen Zweifel. „Endlich“, atmeten die Amerikaner auf. Da Schröder ja vor der entscheidenden Besprechung mit seinem amerikanischen Kollegen Dean Rusk beim Kanzler in Cadenabbia gewesen war, hatte man es also mit einer Entscheidung der Bundesregierung zu tun... dachten nicht nur die Amerikaner.

Bis dann Adenauer, urlaubsfrisch, in Berlin alles für Unsinn erklärte, was er tags zuvor noch durch seinen Außenminister hatte billigen lassen.

Kennedy hat sich letzte Woche auf seiner Pressekonferenz zu diesen Berliner Scherzen Adenauers zurückhaltend geäußert – die Bundesregierung wird schließlich immer mehr zum europäischen Eckpfeiler der NATO. „Im Hause“ jedoch hat Kennedy böse, ja, verächtliche Worte über die Bonner „Politik“ gesprochen. Über diese Politik, aber auch über den Mann, der wenige Monate zuvor hatte wieder Kanzler werden müssen, weil nur er von Kennedy erst genommen werde...