Von Egon Larsen

Auf dem Flugplatz von Hatfield, eine halbe Autostunde von London entfernt, hat eine Gruppe von Düsenmotor-Ingenieuren kürzlich die Uhr des Luftfahrtzeitalters zurückgestellt. Nicht einer superschnellen, einer senkrecht startenden oder besonders geräumigen Maschine galt der Applaus der Schaulustigen, sondern einem stoffbespannten Flugzeug, das sich knapp einen halben Meter über den Boden erhob und ganze neunhundert Meter weit flog.

Die Delegierten des Internationalen Luftverkehrstages, die den erschöpften Piloten, den 39jährigen technischen Zeichner John Wimpenny beglückwünschten, waren äußerst angetan von dieser Leistung, denn er hat nicht nur seine Flugmaschine gesteuert, sondern er war auch sein eigener Flugzeugmotor.

Vor drei Jahren schrieb der Londoner Industrielle und Flugfanatiker Harry Kremer einen Preis von 55 000 Mark aus für den ersten Flug mit menschlicher Muskelkraft. Seitdem sind an allen Ecken und Enden Großbritanniens Konstrukteure und Erfinder damit beschäftigt, den alten Traum des Ikarus und des Schneiders von Ulm zu verwirklichen. Den ersten und vielleicht entscheidenden Erfolg hat nun John Wimpenny errungen. Im Gegensatz zu Ikarus und dem Schneider Berblinger ist er kein Einzelgänger, sondern der Leiter des Klubs für Muskelflug, dem 29 Ingenieure der De Havilland-Flugzeugwerke angehören.

Immer wieder hört man von fachmännischer Seite die Behauptung, der Muskelflug sei so unmöglich wie das Perpetuum mobile, weil der Mensch ein wesentlich ungünstigeres Verhältnis zwischen Gewicht und Kraft aufweise als ein Vogel, so daß ihm selbst die leichtesten Flügel nichts nützen würden. Die Flugmaschine des Mr. Wimpenny hat nun diese Theorie widerlegt. Sie hat die außerordentlich große Spannweite von 25 Metern von der einen Tragflächenspitze zur anderen – nicht viel weniger als ein Düsen-Verkehrsflugzeug. Das Skelett besteht aus 120 Rippen aus Balsaholz, der leichtesten Holzart, wie sie auch zum Bau des berühmten Floßes „Kontiki“ verwendet wurde. Darüber wurde eine Haut aus Kunststoff von der Dicke eines Millimeterbruchteils gespannt. Der Propeller, der das Flugzeug antreibt, sitzt ganz hinten am Ruder, und die Kraft wird durch eine Fahrrad-Tretkurbel geliefert, die der Pilot bedient.

Mit diesem fliegenden Fahrrad stieg Mr. Wimpenny, nachdem er hundert Meter Anlauf geradelt war, auf. Er brauchte für die Flugstrecke von 900 Metern zwei Minuten, seine Stundengeschwindigkeit betrug also 27 km.

Diese Leistung des „Puffin“, wie Wimpenny seine Maschine getauft hatte – Puffin ist der englische Name des Papageitauchers, aber er dachte auch an sein eigenes „puffing“, nämlich das Pusten und Keuchen beim Kurbeltreten – ist etwa mit dem ersten kurzen Motorflug der Brüder Wright vor o0 Jahren zu vergleichen: ein vielversprechender Anfang, der zumindest den Zweiflern beweist, daß die Sache überhaupt möglich ist. Die Klubmitglieder bastelten über ein Jahr lang an „Puffin“, oft von 3 Uhr morgens bis zum Beginn der Arbeitszeit im De Havilland-Werk, und nach Schluß bis Mitternacht. Viel Familienleben gab es da nicht; resignierend nannten sich ihre Frauen „Wimpennys Witwen“.