Paris, im Mai

Vielleicht haben Paris und Rabat den Sommer 1959 in schlechter Erinnerung behalten. Damals fiel – nach langem Hin und Her – das mehrfach angekündigte Treffen zwischen General de Gaulle und König Mohammed V. jäh ins Wasser, was allerlei Spannungen in den diplomatischen Beziehungen zwischen Frankreich und Marokko hinterließ. Alle Störungen und Ärgernisse sind diesmal im Keime erstickt worden. Der Besuch des jungen Königs Hassan II. in Paris genoß eine Diskretion, die an Geheimhaltung grenzte, namentlich was die Vorbereitung betraf.

Der Name des 33jährigen marokkanischen Königs hat in Paris einen guten Klang. Seine Bemühungen um den Ausbau der Beziehungen zwischen den beiden Ländern werden ohne Einschränkung anerkannt. Nicht nur die französische Politik, sondern auch die französische Kultur besitzt im marokkanischen Königshaus einen wertvollen Brückenkopf des Wohlwollens in Nordafrika. Auch weiß man, wie sehr der Monarch den französischen Staatspräsidenten verehrt. Und die Tatsache, daß die Lebensbedingungen/der in Marokko niedergelassenen Franzosen im allgemeinen gut sind, weiß man in Paris ebenfalls zu schätzen.

Hassan II. ist sich klar darüber, daß die innenwie außenpolitische Position seines Landes neben dem künftig wohl starken Nachbarn Algerien schwierig sein wird. Die schon jetzt gelegentlich rabiate gewerkschaftlich-kommunistische Opposition wird die Unabhängigkeit Algeriens vermutlich zum Anlaß nehmen, gegen die Monarchie Sturm zu laufen. Auch deswegen braucht er ein gutes Verhältnis zu Frankreich.

Natürlich ist Hassan II. alles andere als ein Sozialrevolutionär, und doch wäre es nicht richtig, ihn des Konservatismus zu bezichtigen. Vor wenigen Monaten erklärte er der Pariser Zeitung Le Monde: „Es ist mir im Moment nicht möglich, die Ausübung der Macht weniger direkt zu gestalten. Warum? Weil unser Volk noch nicht bereit ist, durch ein Programm oder eine Doktrin mobilisiert zu werden. Es bedarf der Führung durch einen Mann oder durch eine Equipe. Aber diese Equipe, die ich aus Männern gebildet habe, die mein volles Vertrauen genießen, muß ich dem Volk bekanntmachen; ich muß ihr als Fahnenträger dienen, ihr den Weg aufzeigen. In einem Wort: die Macht muß eine persönliche Form haben, um populär zu sein.“

Daß der junge Monarch sich nicht scheut, bei Gelegenheit die archaische Konvention marokkanischer Gebräuche zu durchbrechen, hat er schon mehrmals bewiesen. Nach dem Tode von Mohammed V. verheiratete er seine drei Schwestern sehr rasch an Männer ihrer eigenen Wahl und wohnte der komplizierten und langen Trauungszeremonie im dunklen Straßenanzug bei.

Der marokkanische Gast, den man wegen seines modernen Sinnes schätzt, durfte in Paris mit einem freundschaftlichen, wenn nicht gar familiären Empfang rechnen. Seine Anregungen für die Entwicklung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern sind mit Interesse und Bereitschaft aufgenommen worden. Die Außenministerien der beiden Länder werden sich nun mit den Einzelheiten dieser Pläne zu befassen haben. Man spricht von einer Wiederankurbelung der 1957 abgebrochenen Wirtschaftshilfe, die jährlich etwa 330 Millionen Francs erreichen könnte. Vermutlich haben die in den Vereinbarungen von Evian niedergelegten großzügigen französischen Verpflichtungen gegenüber dem algerischen Staat die Sorge des marokkanischen Königs erweckt, das wirtschaftliche Potential Algeriens könne schon bald größer werden als das Marockos. Es wäre für Hassan II. gewiß bitter, müßte auch er die Erfahrung machen, daß General de Gaulle nur gegenüber jenen großzügig ist, die ihn kräftig auf die Füße treten. Bis heute hat die französische Privatindustrie 16 Milliarden Francs in Marokko investiert, in einem Land also, wo sich immerhin 180 000 französische Siedler niedergelassen haben. Frankreich ist der wichtigste Lieferant und der wichtigste Abnehmer der marockanischen Wirtschaft. Nicht weniger als 8000 französische Lehrer und 10 000 Techniker arbeiten in Marokko.