Von Hanns Meenzen

Die freien Berufe fürchten, unter die Räder zu geraten. Dies in zweierlei Hinsicht. Einmal klagen sie über Honorar- und Gebührenordnungen, die ihrer Leistung nicht gerecht werden, zum anderen fühlen sie sich als geistige Berufe ihrer ehemals tragenden Rolle in Staat und Gesellschaft beraubt. In der Konsumgesellschaft unserer Tage zählt Geld mehr als Geist und Aufwand mehr als Verstand. Das Dilemma, materiell mithalten zu wollen und sich doch nicht in der Jagd nach dem Mammon zu erschöpfen, kennzeichnete denn auch den Ablauf des 5. Kongresses der freien Berufe, der dieser Tage in München nicht ganz den Verlauf nahm, den die Veranstalter sich gewünscht hatten.

Zwar freut sich jeder, wenn es ihm leidlich gut geht und wenn die Verbände sich dafür einsetzen, daß es ihren Mitgliedern besser geht; aber keine Berufsgruppe hört gern, so schloß der erste Referent der Tagung seine Ausführungen, wenn davon öffentlich gesprochen wird.

Dieser erste Referent war der erste Statistiker der Bundesrepublik, nämlich Dr. Gerhard Fürst, Präsident des Statistischen Bundesamtes. Das Zahlenbild, das er, gestützt auf jüngste in der breiten Öffentlichkeit bisher nicht bekannte Statistiken entwarf, war alles in allem überraschend erfreulich. Im langfristigen Vergleich zeigt sich nämlich, daß die freien Berufe mit einem Umsatz von jetzt über 8 Milliarden Mark zwar nicht jene Steigerungsraten aufzuweisen haben wie die Industrie, aber doch beachtlich höhere als Handwerk und produzierendes Gewerbe, als Groß- und Einzelhandel und ebenfalls auch größere als die sonstigen Wirtschaftsbereiche.

Dieser ersten bemerkenswerten Feststellung folgt die zweite auf dem Fuße: Auch der Anteil der Unkosten am Umsatz ist seit 1954 laufend zurückgegangen. Bei den Ärzten etwa sind nicht, wie bisher angenommen, rund die Hälfte des Umsatzes Aufwendungen für Mieten, Personal, Kraftfahrzeug, Medikamente und dergleichen, sondern nur ein gutes Drittel. Schließlich ist auch die Kapitalbasis mittlerweile erwähnenswert, liegt doch der Einheitswert etwa eines Viertels der ärztlichen Praxen und eines Fünftels derjenigen von Rechtsanwälten und Notaren und sogar eines Drittels derer der Wirtschafts- und Steuerberater zwischen 20 000 und 50 000 Mark, wobei die Verschuldung im allgemeinen gering ist.

Leider waren die in München anwesenden Vertreter der freien Berufsstände nicht freimütig genug, um diese erfreuliche Entwicklung offen zuzugeben. Statt dessen zweifelten sie mit den üblichen, schon kaum noch erträglichen Einwendungen die Statistik an. Das Basisjahr sei falsch gewählt, meinte der eine, es müßten falsche Konsequenzen daraus gezogen worden sein, meinte ein anderer. Niemand aber wußte dem Präsidenten des Statistischen Bundesamtes zu sagen, welches Basisjahr denn nun gerechter ist als 1954; und was die Konsequenzen anbelangt, so waren nur die wenigsten der übrigen Referate und Diskussionsbeiträge geeignet, sie konstruktiv zu beeinflussen.

Nun soll hier keineswegs behauptet werden, daß die Sorgen der freien Berufe um das finanzielle Fundament ihrer Existenz bereits überholt seien. Es wurde in München völlig zu Recht darauf hingewiesen, daß die Einkommen der Freiberufler in hohem Grade Familieneinkommen sind; sind doch die Ehefrauen insbesondere in Zeiten des Existenzaufbaues in beträchtlichem Maße mithelfend eingeschaltet, ohne daß eine Vergütung dafür als Betriebsausgabe abgebucht werden kann. Erst recht trifft es zu, daß im freien Beruf keine Rede sein kann von den Segnungen der Arbeitszeitverkürzung.