Wir wissen einiges darüber, wie die Menschen ihr Geld ausgeben, aber was sie mit ihrer Zeit anfangen, darüber wissen wir fast gar nichts.“ Dieser Satz steht in einem Bericht des Komitees, das den Präsidenten der Vereinigten Staaten in wissenschaftlichen Fragen berät. Er klingt wie ein Vorwurf, und er ist auch so gemeint, ein Vorwurf, den das Weiße Haus gegen die Verhaltenswissenschaftler erhebt, weil sie bisher „ihre Ideen und Pläne den ihnen verfügbaren Mitteln angepaßt haben.“ Viele soziologische Untersuchungen, „die sich über das ganze Land hätten erstrecken müssen, über Bevölkerungskreise aller sozialen Schichten, sind nur auf lokale Gruppen angewandt worden, auf wenige, zufällig herausgegriffene Individuen. Viele Experimente, die teure Apparate erfordern, sind unterlassen oder mit unzureichenden Mitteln durchgeführt worden.“

Wie, so würde wohl eine ähnlich kritisierte Disziplin in Deutschland der Regierung antworten, sollen wir denn vernünftige Arbeit leisten, wenn ihr uns nicht genug Geld gebt? In Amerika ist das anders: „Die Verhaltenswissenschaftler können einen ersten Schritt zur Lösung des Problems tun“, heißt es in der offiziellen Verlautbarung, „indem sie ernsthaft durchdachte Vorschläge für die Gestaltung der Grundlagenforschung machen, ganz gleich, ob sich diese Vorschläge in dem Rahmen halten, der den traditionellen Aufwendungen für diese Wissenschaft entspricht oder nicht. Die Existenz und die sorgfältige Darlegung guter Vorschläge wird viel dazu beitragen, Möglichkeiten für eine hinreichende finanzielle Unterstützung der Sozialwissenschaften zu schaffen.“ Was gut ist, verkauft sich von selbst – ein Grundsatz, der in der Neuen Welt offenbar auch für die Wissenschaft gilt.

Mit keinem Wort verspricht die offizielle Erklärung des amerikanischen Wissenschafts-Komitees staatliche Gelder für die Forschung der Verhaltenswissenschaft, von der es ausdrücklich heißt, daß sie „von größter Wichtigkeit für das Wohlergehen und die Sicherheit der Nation“ sei. Indessen gibt diese Stellungnahme der US-Regierung den Soziologen, Psychologen und Anthropologen, den Demographen und politischen Wissenschaftlern Schützenhilfe im Kampf um ihr Prestige, ihre traditionelle Auseinandersetzung mit den Naturwissenschaftlern, die allzu leichtfertig auf die Verhaltensforscher herabsehen, „weil sie aus vergleichsweise vagen Voraussetzungen summarische Schlüsse ziehen.“

Bis ins Detail schildert die von Jerome Wiesner, dem wissenschaftlichen Berater Kennedys, unterzeichnete Schrift Beispiele von erfolgreichen soziologischen und psychologischen Untersuchungen, in denen mit den Methoden der exakten Wissenschaft handfeste Ergebnisse zutage gefördert wurden.

Auch an Vorschlägen zur weiteren Arbeit fehlt es nicht in dieser Regierungsresolution. Sie verweist die Soziologen auf Amerikas großes gesellschaftliches Dilemma: Das Wachsen der Städte zu riesenhaften Steinwüsten, in denen das Leben nicht mehr frei pulsiert, weil die Transportsysteme zusammengebrochen sind. Hier ist die Erforschung des menschlichen Zusammenlebens dringend erforderlich, aber, so kritisiert der Wissenschaftsrat, „dieser Forschung hat bisher die Wissenschaft von dem Verhalten und den Wünschen der Menschen noch nicht entsprochen; bestenfalls hat sie hinterher die Folgen der unglücklichen Verhältnisse beschrieben.“

Ein anderer Vorschlag bezieht sich auf die Schulen: „Die Erziehung steht im Haushalt der Nation an zweiter Stelle – gleich hinter der Verteidigung. Aber nur ein Prozent dieses Budgets ist bisher für die pädagogische Grundlagenforschung verwendet worden. Das ist ganz offensichtlich der Grund dafür, daß es der Pädagogik bisher nicht gelungen ist, Fortschritt zu machen, die sich mit der Entwicklung anderer Gebiete unseres nationalen Lebens vergleichen lassen. Nur wenige hervorragende Gelehrte haben sich in den letzten fünfundzwanzig Jahren für die theoretischen Grundlagen der Erziehung interessiert.“

Mit einem knappen Kommentar wendet sich die Herausforderung des Weißen Hautes endlich den Beziehungen zwischen den Völkern zu. „Detaillierte Kenntnis der Struktur einer Gesellschaft und der funktionellen Zwischenbeziehungen ihrer Komponenten ist unerläßlich für eine wirksame Kommunikation, um mögliche Entwicklungen vorauszusehen, Wege der Zusammenarbeit zu erschließen und die jeweils wirksamste Unterstützung in richtiger Weise zu geben.“ Das sieht nicht nur so da als theoretische Forderung, das wird unterbaut mit einer geschichtlichen Würdigung der Versuche, fremde Kulturen zu verstehen und mit Anregungen für den Forscher, wie er dieses Gebiet der Soziai-Anthropologie anfassen kann.