Menschen, die mich näher zu kennen glauben, werden gleich hell auflachen und behaupten, mein Leben liege so offen am Tage, daß da für ein Geheimleben gar kein Platz sei. Da unterschätzen sie mich aber wieder einmal. Schon seit meinem elften Lebensjahr habe ich mehrere Leben geführt, die ganz geheim geblieben sind und hier erst preisgegeben werden.

Nach einer glanzvollen Laufbahn als Violinvirtuose – man nannte mich das „ewige Wunderkind“ – wurde ich Jazzkapellmeister – in Santiago riß man mir die Kleider vom Leibe – und wenig später Filmregisseur. Wunderschöne Filmstars warben um meine Gunst, und zweimal erkannte mir Hollywood den „Oscar“ zu.

Die Krönung eines jeden Geheimlebens bildet natürlich immer eine Betätigung als Meisterspion. Man wird verstehen, daß ich mich hierzu etwas zurückhaltend äußere. Es genügt aber wohl, wenn ich darauf hinweise, daß ich auch bei der Ottawa-Affäre meine Hand im Spiel hatte.

Eine Zeitlang mußte ich es mir dann versagen, weitere Leben zu führen, denn heutzutage wird es einem ja schon schwergemacht, ein Leben ordentlich zu leben.

Wer aber je mehrere Leben erlebt hat, der weiß, wie eintönig ein Leben sein kann, der kennt die Sehnsucht nach mehr. Um so verständlicher ist es wohl, daß ich mich just in diesen Tagen – auf Grund eines Sensationsprozesses – entschlossen habe, ein neues, höchst erregendes Leben zu beginnen.

Und zwar möchte ich gern Angeklagter in einem Mordprozeß werden. Da mir im Augenblick niemand so zuwider ist, daß ich ihn umbringen könnte, und da ich auch, wenn ich es mir aussuchen darf, nicht gerade ein Leben hinter Gittern wählen möchte, würde ich es vorziehen, als Unschuldiger auf der Anklagebank zu sitzen. Das zu erreichen, ist – trotz mancher Gegenbeispiele – immer noch schwieriger und umständlicher, als eigens deswegen ein Verbrechen zu begehen.

Zunächst erwog ich, mir unter meinen Bekannten jene herauszupicken, die ihres Reichtums, ihrer Arroganz oder ihrer Unbedenklichkeit hinsichtlich fremder Ehen wegen geradezu dazu herausfordern, umgebracht zu werden. Wenn ich mich ständig in ihrer Nähe aufhalte, wäre es schon möglich, daß man mich eines Tages des Mordes für verdächtig hält.