München

Am Montag dieser Woche belagerte um zwei Uhr morgens ein Grüppchen, hauptsächlich ältere Menschen, den Eingang des Münchner Justizpalastes. Eine halbe Stunde später waren es schon etwa so viel Leute, wie der Schwurgerichtssaal im zweiten Stock des Gebäudes faßt, und wer erst gegen drei Uhr erschien, hatte nicht die geringste Chance mehr, Sylvias Auftritt mitzuerleben.

Sylvia Cosiolkofsky ist die 20jährige Tochter von Vera Brühne. Sie war für neun Uhr geladen, um darüber auszusagen, ob ihre Mutter ihr den Mord an Dr. Otto Praun und Elfriede Kloo gestanden habe oder nicht. Zwölf Verhandlungstage lang hatten sich Vera Brühne und ihr Freund Hans Ferbach, der die tödlichen Schüsse auf den Arzt und dessen Haushälterin abgegeben haben soll, von der Anklagebank aus hartnäckig und ungeschickt gewehrt – sie immer wieder kichernd, er mit düsterer Miene.

Es fehlten die Beweise

Das Gelächter brachte Vera Brühne keine Sympathie ein, aber da die Alternative für sie und Ferbach Freispruch oder Lebenslänglich heißt, braucht sie um Sympathie nicht zu buhlen – mildernde Umstände gibt es bei Mord nicht. Zwölf Tage lang befanden sich die beiden Angeklagten klar im Vorteil. Es existierten keine echten Beweise gegen sie. Niemand hat gesehen, wie Praun und Elfriede Kloo umgebracht wurden, man weiß nicht einmal, wann sie den Tod fanden. Unfähige Kriminalpolizisten stellten seinerzeit fest, der Arzt habe erst die Haushälterin und dann sich erschossen, und damit war die Angelegenheit erledigt. Als Bekannte Prauns sich meldeten und erklären wollten, warum das nicht wahr sein könne, geruhten die Polizisten nicht, sie anzuhören.

Viele Monate später wurde dann endlich wirklich ermittelt, aber da waren alle Spuren längst verwischt. Genau zwei Jahre nach dem Doppelmord saßen Vera Brühne und Hans Ferbach vor Gericht. Sie gaben für das fragliche Datum ein Alibi nach dem anderen an, und ein Alibi nach dem anderen platzte. Umgekehrt war allerdings auch die Staatsanwaltschaft nicht imstande, einen Zeugen beizubringen, der anzugeben vermochte, wo die beiden am Mordtag gewesen waren.

So konzentrierte sich die Auseinandersetzung zwischen Anklage und Verteidigung zwölf Verhandlungstage lang auf den Leumund der beiden Angeklagten. Männer und Frauen marschierten auf, die Schlechtes zu berichten wußten, und dann marschierten Männer und Frauen auf, die Schlechtes über jene zu berichten wußten, die eben Schlechtes über die Angeklagten gesagt hatten. Es war bis zum Freitag vergangener Woche ein Prozeß der Peinlichkeiten, um so mehr, als die beiden Toten ebenfalls in diese Verdächtigungen und Beschuldigungen hineingezogen wurden.