London, im Mai

Großbritanniens „Europaminister“, Lordsiegelbewahrer Eduard Heath, äußerte sich zuversichtlich, als er nach der Verhandlungsaufnahme in Brüssel wieder in London erschien: Er wisse von keinem Anzeichen, sagte er, daß sich die deutsche Politik in bezug auf Großbritanniens EWG-Beitritt geändert habe; der deutsche Delegationsleiter habe besonders betont, wie sehr die Bundesrepublik den vollen Beitritt Großbritanniens erstrebe.

So weit, so gut. Da außerdem Bonn die Äußerungen Adenauers in Berlin sehr schnell wieder korrigiert hat und da das Foreign Office sich bemühte, diese Richtigstellung als völlig glaubwürdig herauszustreichen, sollte sich der Sturm im Wasserglas gelegt haben. Aber in Westminster, Whitehall und Fleet Street sind die Zweifel nicht ausgeräumt, die Sorgen nicht zerstreut. Auch die vorsichtige und ausgewogene Sonntagspresse, Blätter wie Sunday Times und Observer, gehen davon aus, daß Adenauer in Berlin gewisse Äußerungen gemacht hat; die sich gegen den EWG-Beitritt Großbritanniens richteten. Viele Berichte stimmen darin überein, daß sich diese Bemerkungen wohl mit den Äußerungen decken, die dem Kanzler schon früher und bei anderen Gelegenheiten zugeschrieben worden waren. Zwar weiß man nicht, ob der Bundeskanzler nur sagte, daß man mit der Schaffung einer festzementierten politischen Union nicht länger als bis zum Sommer warten dürfe, oder ob er ausdrücklich erklärte, daß die volle Mitgliedschaft Großbritanniens nicht erwünscht sei, sondern nur eine lockere Assoziierung. Jedenfalls glaubt man in London, daß Adenauer jetzt dem Beitritt Großbritanniens skeptisch gegenübersteht, wenn auch nicht ganz so skeptisch wie Präsident de Gaulle – was allerdings auch schwer wäre. Die Sunday Times schrieb über die Berliner Gerüchte: Nie gab es soviel Indizienrauch ohne ein wirkliches Feuer.“

Wenn es aber in der Tat Adenauers Hauptziel ist, auf dem Festland eine integrierte Macht zu schaffen, die dem kommunistischen Block gegenüber in massiver Starrheit verharren kann, so wäre nach englischer Ansicht Großbritannien wirklich nicht der geeignete Partner dafür. Noch nie hat eine britische Regierung an die Tugend der Starrheit geglaubt. Wenn Adenauer gar beabsichtigt, mit de Gaulle zusammen eine „dritte Macht“ auf die Beine stellen zu können, die von Amerika unabhängig sein könnte, so würde Großbritannien ganz gewiß nicht mitspielen. Solche Ideen gelten allen hier als unrealistisch.

Der „Observer“ findet, daß Adenauers Äußerungen in Berlin – sowohl die über die amerikanischen Gespräche mit den Russen als auch die über die britische EWG-Mitgliedschaft – eine Annäherung an de Gaulles Standpunkt andeuten und stellt dazu die Frage: „Bedeutet dies eine abgestimmte französisch-deutsche Auflehnung gegen angelsächsischen Einfluß, in europäische Angelegenheiten? Eine Antwort auf diese ernste Frage hängt davon ab, ob man die Äußerungen Dr. Adenauers als die berechneten Indiskretionen eines erfahrenen Staatsmanns wertet oder als die olympischen Illusionen eines sehr alten Mannes. Im ersten Fall muß man gegenüber Deutschlands künftiger Politik schwere Zweifel hegen, im zweiten Fall muß man sich über den gegenwärtigen Zustand der Regierung in Bonn traurige Gedanken machen.“

Immerhin ist man sich hier bewußt, daß Adenauer bei seiner Begegnung mit de Gaulle im Juli ein Wunder an Überredung zustande bringen müßte, wenn er den französischen Präsidenten für sein Konzept einer integrierten politischen Union gewinnen will. Macmillan aber trifft de Gaulle schon Anfang Juni. Er wird sein bestes tun, ihn zu überzeugen, daß ihre politischen Konzeptionen nicht sehr verschieden sind und daß eine offene Gemeinschaft mehr Zukunftsaussichten böte als eine hermetisch abgeschlossene. Gelänge ihm dies – so wäre auch das ein Wunder an Überredungskunst. Jedenfalls kann sich Macmillan in einer für Großbritannien so lebenswichtigen Frage nicht soviel abhandeln lassen wie vielleicht Adenauer.

Auf jeden Fall ist das Barometer der britischen Beitrittschancen in diesen Tagen gefallen; es steht jetzt bestenfalls auf Veränderlich. M. Wieland