BERLIN (Schloßparktheater):

„Das Orchester“ von Jean Anouilh

Die deutsche Erstaufführung dieses Einakters war von Harry Meyen, dem Regisseur mit der leichten und doch präzisen Hand, mit der Berliner Premiere von Martin Walsers „Abstecher“ zu einem Theaterabend vereinigt worden, der vom Telegraph auf den Nenner „Zweimal Muffigkeit“ gebracht wurde. Im Tagesspiegel schrieb Walther Karsch: „Wir sind bereit, jede Wette abzuschließen, daß ein Theaterleiter, dem ein deutscher Autor ein Stück wie Anouilhs ‚Orchester‘ vorlegte, diesen ans Kabarett verweisen würde.“ In der FAZ stand über Anouilhs Stück: „Vielleicht ist es am besten als eine Gerümpelmontage zu bezeichnen, als ein ebenso nachlässiges wie souveränes Potpourri aus dem Abfall seiner großen Stücke.“ Die „Überbleibsel beim Modellieren seiner Frauengestalten“ sind sechs Mitglieder einer Damenkapelle, die zwischen den Musikstücken einander „alles“ aus ihrem Alltags- und Liebesleben erzählen. Als chaplineskes Männchen dazwischen, „Daniel in der Löwengrube“, der Klavierspieler von Curt Bois, mit dem Eva-Katharina Schultz, die Cellistin der Kapelle, eine tragikomische Affäre hat, woraus sich der schauspielerische Höhepunkt des lustigen Abends ergibt. „Der Beifall stellte sich schon ein, als der Vorhang über der von Hansheinrich Palitzsch aufgebauten Bühne aufging.“

HAMBURG (Staatsoper):

„Rigoletto“ – von Felsenstein inszeniert

Nach fast zweieinhalb Monaten Proben – das ist das Anderthalbfache des dort Üblichen – hat Walter Felsenstein einen fulminanten Regieerfolg mit Verdi errungen. Er entriß das musikalisch oft unterschätzte Schauerstück der Opernschablone und befreite es von Sängerroutine. Überspielen im „musikalischen Theater“ Schauspielregisseure zuweilen um optischer Wirkungen willen die Musik, so ist Felsensteins Hauptverdienst darin zu sehen, daß seine verblüffenden Szeneneffekte in der Partitur begründet sind. An einer scheinbaren „Sängeroper“ bewies er eine „Werktreue“ zum Komponisten und praktizierte in der Oper Musikdrama als „Gesamtkunstwerk“, wie beides dort, wo diese Begriffe einst als künstlerisches Evangelium verkündet worden sind, inzwischen als unmodern gilt: in der offiziellen Bayreuther Wagnerpflege. Dabei erwies sich der Dirigent Janos Kulka ebenso als eigenwertiges Team-Mitglied wie der Bühnenbildner Rudolf Heinrich, dem Schaureize von großer Pracht und werkeigener Stimmung zu danken sind.

Die musikalische Sicherheit aller Beteiligten (auch des von Günther Schmidt-Bohländer vorbereiteten Chores) erlaubte schauspielhaft-individuelles Agieren. Nicht zu klassifizieren ist nur nach dem ersten Höreindruck der neue Text von Felsenstein und Horst Seeger, zumal die Wortverständlichkeit der Sänger stellenweise zu wünschen übrig ließ. Obwohl bei einigen die Premierenspannung anfangs auf den Kehlkopf drückte, gab es, wie für Felsenstein und seine Helfer, persönliche Ovationen für Vladimir Ruzdak (Rigoletto), Arturo Sergi (Herzog) und Mattiwilda Dobbs (Gilda). Hervorragend in Nebenpartien: Peter Roth-Ehrang (Sparafucile) und Herbert Fliether (Monterone).