Die deutsche Lebensversicherung hat in den letzten Jahren einen bemerkenswerten Aufschwung genommen. Die inflationsgeschädigten Sparer haben den Schock der Vergangenheit überwunden, die staatliche Altersfürsorge hat den Aktionsradius der privaten Lebensversicherung nicht einengen können. In der Bundesrepublik entfallen auf eine Familie etwa zwei Lebensversicherungsverträge. Das erscheint als erstaunlich. Dennoch ist bei uns die „Versicherungsdichte“ noch nicht mit der von Schweden (dreimal so hoch) oder mit den USA (rund zwölfmal so hoch) zu vergleichen. Aber schon heute stellt die deutsche Lebensversicherung einen wichtigen Faktor im Bereich der Wirtschaft dar. Der Gesamtbestand ihrer Vermögensanlage belief sich Ende 1961 auf nahezu 16,7 Milliarden DM. Die Tendenz zum verstärkten Versicherungsschutz hält weiter an.

Versicherungssparen ist Geldsparen. Lebensversicherungsverträge sind infolgedessen gegen Geldentwertung besonders empfindlich, weil sie häufig über einen Zeitraum von 20 und mehr Jahren laufen. Kein Wunder also, wenn sich der Verband der Lebensversicherungsunternehmen in seinem „Jahrbuch 1962“ ausführlich mit dem Problem der Geldwertstabilität auseinandersetzt. Er ist dabei in der schwierigen Lage, auf der einen Seite seine Versicherungsnehmer (auch die künftigen) beruhigen, zum anderen aber auch die für die Stabilität der DM verantwortlichen Stellen zur Aktivität ermuntern zu müssen.

Nach Ansicht des Verbandes ist die erstaunliche Aufwärtsbewegung beim Versicherungssparen ein verläßlicher Gradmesser für das Vertrauen der Bevölkerung in die Wertbeständigkeit des Geldes. Er zeigt dies deutlicher als etwa die Veränderung der Spareinlagen, Bauspareinzahlungen oder Käufe von festverzinslichen Wertpapieren. Der Kontensparer hofft, bei drohender Geldentwertung rechtzeitig sein Geld in Sachwerten anlegen zu können, Ziel des Bausparers ist der Übergang vom Geldwert auf den Substanzwert, und der Wertpapiersparer rechnet mit der hohen Fungibilität (Beweglichkeit, Verwertbarkeit) seiner Anlage. Im Vergleich damit ist die Bindung an den Geldwert, die der Lebensversicherte eingeht, langfristig. Wenn der Lebensversicherte dennoch das Risiko einer langfristigen Bindung eingeht, so folgert der Verband, dann beweist dies, daß der Geldsparer selbst den Kaufkraftverlust der Mark nicht dramatisiert.

In der Tat, meine verehrten Leser, bestand in den letzten Jahren kein Grund zur Panik. Der langfristige Geldsparer (dazu gehört auch der Käufer festverzinslicher Wertpapiere) konnte sich vor dem Kaufkraftverlust seiner Gelder schützen, indem er einen Teil des Zinsertrags sofort wieder dem „Kapital“ zuschlug. Wer in der Vergangenheit etwa 3 % der Zinsen aus Geldwertanlagen wieder anlegte, hat statistisch betrachtet an Kaufkraft nicht verloren. „Die Wertminderung der Sparmark wurde durch einen relativ hohen Geldzins überdeckt“, so heißt es im Bericht der Lebensversicherungen. Die Versicherungsunternehmen schütten einen großen Teil der von ihnen erzielten Zinserträgnisse als sogenannte „Versicherten-Dividenden“ aus, die den Versicheren gutgeschrieben wird. Solange diese den Geldwertschwund übersteigen, besteht also für den Versicherungssparer kein Grund zur Unruhe.

Alles hängt aber davon ab, daß auch künftig der Geldzins die Geldwertminderung übersteigen wird. Deshalb müssen die Versicherungen den sinkenden Zinstrend zwangsläufig mit einiger Sorge betrachten. In den letzten Jahren war es möglich, die Gelder der Versicherten so, anzulegen, daß sie einen Nutzen von 7 bis 7 1/2 % einbrachten. Heute sind es nur noch etwas über 6 %. Das wird sich eines Tages auch auf die Versicherten-Dividenden auswirken.

Wenn der Versicherungssparer genau rechnet, so wird er finden, daß auch der Staat mit seiner Steuergesetzgebung dazu beiträgt, den Geldwe-tschwund erträglicher zu machen. Versicherungsprämien sind als Sonderausgaben absetzbar und sparen Steuern. Diese Ersparnis berücksichtigt, ergibt einen Nutzen in unterschiedlicher Höhe je nach Steuergruppe), der den normalen Kaufkraftschwund auszugleichen hilft.

Meine verehrten Leser, wenn die Lebensversicherungen den steigenden Versicherungsbestand als einen eindeutigen Vertrauensbeweis in die Stabilität der Währung ansehen, dann gibt es dagegen einen Einwand. Die Lebensversicherung ist nämlich nicht nur eine Altersversorgung, sondern sie ist verbunden mit einem Risikoschutz der beim frühzeitigen Tod des Versicherungsnehmers wirksam wird. Es gibt keine andere Sparform, die einen ähnlichen Schutz (Sicherstellung der Familie) bietet. Mancher Lebensversicherungsvertrag wird nur deshalb abgeschlossen, weil jemand seine Familie versorgt sehen möchte, falls ihm vor Erreichung des sogenannten Pensionsalters etwas zustößt. Bei einem solchen Gedankengang spielt die langfristige Bindung an den Versicherungsvertrag nur eine untergeordnete Rolle.