Von Thilo Koch

Washington, im Mai

Bonn ist entweder konfus oder doppelzüngig – auf diesen Nenner lassen sich die Washingtoner Kommentare zur neuesten Belastung des deutsch-amerikanischen Verhältnisses bringen. Das letztemal war man nur ärgerlich; diesmal ist man besorgt. Die Indiskretion um das amerikanische Verhandlungsprogramm für die Gespräche mit Sowjetbotschafter Dobrynin trat als peinlicher Zwischenfall bald wieder in den Hintergrund; des deutschen Bundeskanzlers Berliner Plaudereien führten hier zu Überprüfungen, wie sie so kritisch und kühl bisher noch nicht zu lesen und zu hören waren.

Dieses Neudurchdenken des Bündnisses beschränkt sich nicht auf die Kennedy-Regierung und die Kennedy-freundliche Presse. Wohl gibt es im republikanischen Lager Stimmen, die sich auf die Seite des „Eisernen Kanzlers“ stellen und ihren Präsidenten auffordern, sich ein Beispiel an Adenauers Umgang mit Kommunisten zu nehmen. Sie sind indes Ausnahmen. In der Regel wird zumindest die Zweideutigkeit Bonns getadelt. Noch eben habe Schröder zu Rusk in Athen „hüh“ gesagt, da sage Adenauer, von dessen Cadenabbia-Residenz der deutsche Außenminister gerade gekommen sei, „hott“. Im selben Atemzug lasse der Bundeskanzler seinen Botschafter in Washington fallen und erklärte sich für eine Politik, die genau diejenige Grewes sei, ja, sie an Starrheit sogar noch übertreffe.

Die Auslegungsschwierigkeiten, mit denen der Sprecher der Bundesregierung zu ringen hatte, die Interpretationen im Auswärtigen Amt gegenüber den Bonner Botschaften der drei Westmächte, die Zwillingsähnlichkeit der Auffassungen Adenauers mit denen de Gaulles verstärken hier jene bittere Alternative: konfus oder doppelzüngig. Die Art, wie Präsident Kennedy vor der Presse auf die Fragen nach den Adenauer-Bemerkungen antworten, war aufschlußreich. Er versagte sich jede emotionale Aufwallung, er mahnte, er erinnerte.

Angeblich ist ja auch Bonn für Verhandeln. Aber mußte man nicht schon 1959 den deutschen Bundesgenossen am Halfterband hinter sich her nach Genf ziehen? Und war es nicht der deutsche Diplomat Professor Wilhelm Grewe, der damals scharf aufpaßte, daß es zu jenem Geben und Nehmen nicht kam, das nach anglo-amerikanischer Auffassung das Wesen von Verhandlungen sein sollte? Damals verhandelte die Eisenhower-Regierung. Hegte Bonn nicht den gleichen Argwohn, der sich heute gegen Kennedy richtet, bereits gegenüber dem „Geist von Camp David“? So fragt man heute in Washington und erinnert an eine Eisenhower-Pressekonferenz im September 1959, als der damalige Präsident die Situation in Berlin „unnormal“ nannte. Auch damals habe Bonn eine zu weit gehende Annäherung der Vereinigten Staaten an die Sowjetunion befürchtet; auch damals habe Washington die Deutschen immer wieder beruhigen müssen: Es gebe keinen Wechsel in der amerikanischen Haltung.

Die deutsche Frage „Wie zuverlässig sind die Amerikaner wird nunmehr zurückgegeben: Wie zuverlässig sind eigentlich die Deutschen? Ist jene Konfusion mit der Senilität eines 86jährigen Regierungschefs zu erklären, fragt die New York Times. Und sie stellt fest: Die Bundesrepublik Deutschland ist eine unsichere Demokratie, die ihre erste Prüfung noch nicht bestanden hat, nämlich den ordnungsgemäßen Wechsel in der politischen Führung. Andere amerikanische Kommentare untersuchen die Hintergründe des Scheiterns von Grewe. Das wenig herzliche persönliche Verhältnis zum Präsidenten und zu leitenden Beamten im State Department wird nicht als zureichende Erklärung angesehen. War es der „Legalismus“ des Staatsrechtlers Grewe, der so störte? Der politische Grund ist, daß der Botschafter, beharrlicher noch als sein Auftraggeber, der Bundeskanzler, eine Politik des absoluten „njet“ gegenüber den Russen empfahl. Grewe steht unwandelbar auf dem Boden der Hallstein-Doktrin. Auch Adenauer steht offenbar treu zu dieser Doktrin, und es muß wohl Doppelzüngigkeit heißen, wenn er von seinem Washingtoner Botschafter sagt, manchmal treffe es eben „den Unschuldigen