Seit einigen Jahren werden in verschiedenen Städten der Bundesrepublik Zettel verteilt, weiß mit blauem Rand, Hersteller: die Bundesärztekammer. „An die Damen und Herren Oberprimaner“, so beginnt dieses Schriftstück, und in dem dann folgenden Text werden die so respektvoll Titulierten auf die drohend herannahende Berufswahl und die damit verbundenen Probleme aufmerksam gemacht: „Diese Entscheidung ist nicht leicht und setzt ein möglichst klares Bild über die verschiedenen Berufe, deren Anforderungen und Möglichkeiten voraus ... Dabei zu helfen ist das Ziel der Bundesärztekammer.“

Nach Lektüre dieses Zettels weiß man: das Ziel der Bundesärztekammer ist, vom Studium der Medizin dringend abzuraten.

Gleichzeitig erscheinen von anderen Organisationen (wie zum Beispiel der deutschen Krankenhausgesellschaft) Mitteilungen, die besagen, daß in Deutschland ein empfindlicher Ärztemangel herrsche. Ursache desselben seien die abschreckenden Aufrufe. Das klare Bild der Damen und Herren Oberprimaner beginnt sich zu vernebeln.

Zwei Symptome sind es, die die Bundesärztekammer für besonders bedenklich hält und die sie als Hauptgründe ihrer Warnrufe anführt:

1. Die Bundesrepublik sei, nach Israel und Österreich, das Land mit der größten Arztdichte der Welt.

Zu dieser Feststellung ist zu sagen, daß die Statistiker des Bundesamtes es anders wissen. Die Weltgesundheitsorganisation in Genf nennt in ihre letzten Veröffentlichung (Annual epidemiological and vital statistics, 1957, herausgegeben 1960) die Bundesrepublik an neunter Stelle der „Weltrangliste“.

2. Bereits im Jahre 1959/60 hätten in der Bundesrepublik dreimal so viel Studenten das Medizinstudium begonnen, wie Ärzte für den jährlichen Ergänzungsbedarf benötigt werden. Aber vielleicht wird ja nicht nur die Zahl der Medizinstudenten größer, sondern auch die der benötigten Ärzte?