Durch vielfältige Bemühungen um neue Formen des Arbeitslebens ist der Hamburger Industrielle und Erfinder Dr. Kurt A. Körber bekannt geworden. Um ihn sammelt sich regelmäßig ein „Bergedorfer Gesprächskreis“, in dem Unternehmer und Wissenschaftler, Publizisten und Gewerkschaftler diskutieren und beraten. Weiterhin haben Erfahrungen einer werkseigenen Fachschule dazu geführt, daß in Hamburg-Bergedorf unter Körbers Initiative und Mäzenat eine Art von Akademie entsteht, in der Ingenieure neuen Typs ausgebildet werden sollen. Die Tatsache, daß aus dem Kreise um Körber viele fruchtbare Ideen ausgegangen sind, ermuntert uns, den Vorschlag für eine „Bank der Sozialpartner“ zur Diskussion zu stellen.

Die von den Sozialpartnern, der päpstlichen Sozial-Enzyklika, dem Rat der evangelischen Kirche und vielen öffentlichen Institutionen geführte Auseinandersetzung über eine den modernen Industriegesellschaften angepaßte gerechte Verteilung des Sozialproduktes“ hat ein Problem sichtbar werden lassen, das mehr denn je zur Entscheidung drängt. Wenn die freie industrielle Gesellschaft nicht ihren Sinn verlieren soll, so müssen neue Formen der sozial-ökonomischen Konfliktüberwindung geschaffen werden, die das freie Spiel der Kräfte zwischen den Interessengruppen partnerschaftlich aufrecht erhalten.

Um das gegenseitige Hochtreiben der Löhne und Preise abzufangen, soll mit dem Hinweis auf das Verantwortungsbewußtsein gegenüber der Gesamtgesellschaft nunmehr die bisher so sorgsam in der Schublade gehütete Moral als „Kalkulationsposten“ in die Gewinn- und Verlustbilanzen der Wirtschaft eingebaut werden. Die Schwierigkeit, den „Moralfaktor“ in der Bilanz an der richtigen Stelle unterzubringen, geht beispielsweise aus der Kontroverse zwischen Bundeswirtschaftsminister Erhard und Generaldirektor Nordhoff vom Volkswagenwerk hervor.

Das Zusammenwirken von Moral und Erfolgstreben, so wie es früher in der durch das Handwerk bestimmten Ständeordnung bestand, ist im Laufe zunehmender Industrialisierung zugunsten des Faktors Profit immer mehr geschwunden. „Maßhalten!“ – das ist aber ein Appell an die praktische und an die moralische Vernunft: Arbeitnehmer und Arbeitgeber sollen ungeachtet der Profitmöglichkeiten, die sich für sie aus dem freien Spiel der Kräfte zwischen Angebot und Nachfrage ergeben, zum Maßhalten veranlaßt werden. Das heißt: Eine Seite soll mit ihren Lohnforderungen maßvoll und bescheiden sein und die andere Seite soll die Preise möglichst senken, zumindest nicht erhöhen. Die in diesem Fall angesprochene Vernunft soll die materiellen Maßnahmen der Profitwirtschaft mit den moralischen Ansprüchen der Gesamtgesellschaft koordinieren.

Um die moralischen Ansprüche, ohne die ein gesellschaftlicher Verband nicht lebensfähig ist, realisieren zu können, müssen Initiativen zur Bildung sozialen Kapitals“ ausgelöst werden.

Wenn man untersucht, wie durch breite Schichten auf freiwilliger Basis „soziales Kapital“ gebildet werden kann, kommt man zu der erstaunlichen Feststellung, daß beispielsweise das Glücksspiel – Fußballtoto, Zahlenlotto, Funklotterie – einen erheblichen Anteil zur sozialen Kapitalbildung liefert. Im Glücksspiel werden tatsächlich durch den menschlichen Trieb zur Wahrnehmung von Gewinnchancen erhebliche Beträge gesammelt, von, denen man – wie die Erfahrung lehrt – mühelos, ohne auf Widerstand der Geldgeber zu stoßen, Kapital zur Durchführung sozialer Maßnahmen abzweigen kann.

Wie nun, wenn man – sozusagen als List der Vernunft – dieses Modell in den Wirtschaftsprozeß einbaute? Man hätte die Möglichkeit, breite Schichten für die Errichtung eines nationalen Fonds zur Finanzierung zusätzlicher sozialer Einrichtungen, wie des Bildungs- und Schulwesens, karitativer Institutionen, Altersversorgung, zu gewinnen. Auch würde dadurch zwangsläufig ein beachtlicher Beitrag zum Bewahren anstatt zum Verbrauchen geschaffen. Der mit dem Einbau dieses Modells in den Wirtschaftsprozeß entstehende nationale Fonds zur Befriedigung gesamtgesellschaftlicher Bedürfnisse böte auch eine neue Kommunikationsform zwischen den Sozialpartnern, mit denen einseitige Gruppeninteressen, die das volkswirtschaftliche Gemeinwohl verletzen, eingeschränkt werden können.