Er spricht so wunderbar und er wirft mit Generationen und Kontinenten auf eine so selbstverständliche Weise um sich, daß es nicht immer möglich ist, sich ganz klar darüber zu sein, was er wirklich meint.“ Die amerikanische Zeitung „New York Times“, die – wie alle Zeitungen – genötigt war, sich mit den olympischen Sentenzen auseinanderzusetzen, die der französische Staatschef bei seiner letzten Pressekonferenz äußerte, hat mit dieser Bemerkung voll verhaltener Ironie gewiß nicht unrecht. Aber so schwer es auch sein mag, die wolkennahen Visionen des regierenden Generals in all ihren Einzelzügen klar zu deuten: der Umriß schon genügt für die kritische Betrachtung. Und an Kritik hat es Charles de Gaulle in diesen Tagen wahrlich nicht gefehlt.

Der Franzose de Gaulle sei, so hieß es, ein schlechter Europäer. Daran ist, sieht man es mit den Augen der leidenschaftlichen Europa-Konstrukteure, vieles wahr. De Gaulle will die Integration nicht, er verficht die Konzeption vom „Europa der Vaterländer“, das er seit neuestem das „Europa der Staaten“ nennt. Das „Europa der Großmütter“ soll es heißen, sagen seine Gegner, zu denen im eigenen Lande sein Vorgänger, der letzte Präsident der 4. Republik, Pierre Pflimlin, und der Sozialist Guy Mollet zählen. Beide haben gerade, weil sie die Politik des schlechten Europäers de Gaulle vehement ablehnen, das Kabinett Pompidou verlassen. „Das Europa der Vaterländer kennen wir schon lange“, rief Pflimlin, „es wirft uns ins 19. Jahrhundert zurück, zum Wiener Kongreß, zum europäischen Konzert. Das Konzert dauert so lange, bis die Musiker anfangen, sich gegenseitig mit den Instrumenten über den Schädel zu schlagen.“

Derlei Äußerungen sind gewiß ein wichtiges Indiz dafür, daß de Gaulle einen wachsenden Widerstand auch im eigenen Lande findet. In ihnen aber zugleich auch ein Argument politischer Vernunft zu sehen, fällt nicht so ganz leicht. Ist nicht, im Gegenteil, der Visionär de Gaulle dort sehr realistisch, wo er sieht, daß eine bis zur Schwärmerei gesteigerte Europa-Sehnsucht die politische Einheit noch lange nicht zu schaffen imstande ist? Ist nicht seine Erkenntnis wirklichkeitsnah, die davon ausgeht, daß die nationalen Interessen in diesem unseren Europa doch noch eine Weile vorherrschen werden und daß die Einigung des Kontinents samt seiner „schwesterlichen Insel“ nur mit langem Atem und nicht mit kurzen, echauffierten Luftstößen zu bewerkstelligen ist? Der Olympier an der Seine hat recht: Europa als Einheit läßt sich nicht durch einen Federstrich herstellen. Und es ist auch keineswegs so, daß gleichsam über Nacht die besonderen Interessen eines jeglichen Mitglieds der europäischen Gemeinschaft ganz und für immer getilgt würden.

„Es handelt sich bei der EWG nicht um eine Gesellschaft für die Preisgabe nationaler Identitäten. Wie können wir aufhören, das zu sein, was Geographie und Geschichte aus uns gemacht haben?“ Dies ist das prägnante Wort eines nüchternen Realisten, der de Gaulle heißen könnte, wenn er nicht – Macmillan hieße. Der britische Premier und der französische Staatschef sind vorsichtige Europäer, und es ist der große Vorzug der de Gaullschen Idee von der Gemeinschaft souveräner Staaten, daß ihr auch die eigenwilligen Bewohner der „schwesterlichen Insel“ zuzustimmen vermögen. Es wäre keine Schwierigkeit, sie aufzunehmen in den Bund, der vereint sein will und doch die Rationalen Besonderheiten wahren möchte, gäbe es nicht einen Widersacher, der ihren Beitritt mit aller seiner Macht verhindern will: Charles de Gaulle.

Dieser Widerspruch in der Politik des französischen Staatschefs enthüllt mehr als nur ein taktisches Spiel. Er, der das Recht der Nationen achtet, verrät sich dort, wo er einem europäischen Land, das die Gemeinsamkeit will, ohne zugleich seine nationale Handlungsfreiheit ganz aufzugeben, die Tür zum Kontinent verschließen möchte. England könnte durch seinen Beitritt der europäischen Vereinigung keinen Schaden antun, aber es könnte die Stärke und den beherrschenden Einfluß Frankreichs in diesem Bund schmälern.

De Gaulle ist ein schlechter Europäer. Und dies nicht, weil er die Integration ablehnt, sondern weil er eine Politik verfolgt, die dem Kontinent – samt seiner schwesterlichen Insel – einfach nicht bekommen kann. Seinem zeitenfernen Denken entspringt die Vorstellung, daß die Länder des Kontinents sich wie ein grandioser Satellitenring um das Zentrum Frankreich legen und daß auf diese Weise eine dritte Weltmacht entstehe, die nicht nur dem bedrohlichen Druck aus dem Osten, sondern auch der „schmählichen“ Bevormundung durch die Vereinigten Staaten Widerstand entgegenzusetzen vermöchte.

Der europäische Lockruf de Gaulles ist hallend und blumig. Unsere Antwort sei präzis und offen.