FÜR alle, die am Wochenende oder im Urlaub ein anspruchsvolles Buch lesen möchten, dessen Lektüre jedoch nicht im geringsten anstrengt, sondern ein Vergnügen bereitet –

Anton Tschechow: „Das Duell und andere Novellen“, übertragen und herausgegeben von Anne Bock; Manesse Verlag, Zürich; 499 S., 12,20 DM.

ES ENTHÄLT neben der Titelerzählung sieben weitere (gut ausgewählte) Geschichten sowie ein sehr informatives, vortreffliches Nachwort der Herausgeberin.

ES GEFÄLLT, weil Tschechows scheinbar schlichte Erzählungen zu jener gesellschaftskritischen Literatur gehören, die ihren Wert auch dann nicht einbüßt, wenn der Gegenstand der Kritik – in diesem Fall die Gesellschaft des zaristischen Rußlands – längst nicht mehr existiert. Unter den großen Erzählern seiner Zeit war Tschechow der stillste, der bescheidenste. Zu diskret, um die wahren Ursachen der Tragödien seiner Helden deutlich zu zeigen, ließ er sie nur ahnen. War Gogol in seinen besten Jahren Ankläger der Gesellschaft, so Tolstoj ihr Richter; sah Dostojewskij in sich selber den Angeklagten, so hielt sich Tschechow nur für einen Zeugen. Andere russische Schriftsteller des vergangenen Jahrhunderts stöhnten, schrien, predigten – er flüsterte nur. Aber seine geflüsterten Zeugenaussagen über alltägliche Sorgen und Nöte sehr durchschnittlicher Menschen sind – wenn wir genau hinsehen – vollendete poetische Sinnbilder unseres Daseins.

M. R.-R.