Düsseldorf

Gut gelaunt zeigt die weißhaarige ältere Dame die Zähne und strahlt: „Ich wähle CDU.“ Und zu ihren Häupten steht, was sie veranlaßt, derart für die CDU zu strahlen: „Frieden, Arbeit, Ordnung.“ Das ist die Parole der Christlichen Demokraten in Nordrhein-Westfalen für die Landtagswahl am 8. Juli. Auch die Freien Demokraten lassen ihre Wähler schon grüßen: Spitzenkandidat Willy Weyer klebt auf hellblauem Hintergrund und lächelt milde: „Weniger Staat – besser regieren.“

Sechs Wochen sind es noch bis zur Wahl, aber die Parteien zögern, den Kampf mit allen Geschützen zu eröffnen. „Der Kampf soll kurz werden“, erklären sie einstimmig. Mit gutem Grund: Die Vorbereitungen zu den Landtagswahlen werden von einem spektakulären Ereignis überstrahlt: Vom 30. Mai bis zum 17. Juni blicken die Wähler über den Ozean auf die Fußball-Prominenz in Chile und nicht auf die Partei-Stars in Düsseldorf>Der „heiße“ Wahlkampf soll darum erst zwei bis drei Wochen vor dem Wahlsonntag beginnen.

Sehr willkommen ist der SPD diese Verzögerung – „wegen der kindischen Bocksprünge in den eigenen Reihen“ –, wie Herbert Wehner die Querelen der nordrhein-westfälischen SPD um die Nominierung des Spitzenkandidaten nannte. Bis zum 5. Mai mußte die technische Wahlkampfkommission der Sozialdemokraten „auf Verdacht“ an ihrer Strategie zimmern. Nun versucht sie – so gut es noch geht – den etwas unerwarteten Kandidaten Heinz Kühn ein- und aufzubauen. In aller Eile wurde jetzt ein Plakat von ihm angefertigt, damit er an den Häuserwänden, Zäunen und Litfaßsäulen neben den Spitzenkandidaten Dr. Meyers und Willy Weyer nicht fehle. Das gehört zum Prestige.

Ob das Plakat den Namen Heinz Kühn in Nordrhein-Westfalen sehr viel bekannter macht – das bezweifelt freilich nicht nur die CDU. Auf der Popularitätskurve steht Dr. Meyers mit 30 Punkten an der Spitze, gefolgt von dem SPD-Ex-Kandidaten Fritz Steinhoff mit siebzehn Punkten – alle anderen rangieren vorläufig unter „ferner liefen“. Kein Wunder, daß die Bezirksleitung der Kölner CDU darauf verzichtete, Wahlkreis-Kandidaten zu kleben. „Es lohnt den Einsatz nicht.“ Die Parteien verlassen sich auf die Erfahrung der Soziologen: „Der Deutsche wählt Liste.“

SPD-Kandidat Heinz Kühn meint denn auch: „Die entscheidenden Impulse bei der Landtagswahl kommen mehr aus der gesamtpolitischen Lage als vom Magnetismus, der mit einem Namen verbunden ist.“ Der weltgewandte Parteipolitiker mit außenpolitischen Ambitionen wurde vor kurzem zum vierten Male zum Fraktionsvorsitzenden der sozialistischen Abgeordneten im Europarat gewählt. Er ist Mitglied der interparlamentarischen Union und des außenpolitischen Ausschusses im Bundestag. Alle diese Ämter wird er jetzt niederlegen, um nach Düsseldorf zurückzukehren. Er gehörte dem nordrhein-westfälischen Landtag schon einmal – von 1949 bis 1953 – an, ehe er in den Bundestag einzog. „Eigentlich hatte ich mir meine Laufbahn etwas anders vorgestellt“, sagt der Fünfzigjährige jetzt. „In Zukunft werde ich wohl nicht mehr nach London oder Paris fahren, sondern zwischen Euskirchen und Bielefeld reisen.“

Immerhin, seit Kühn nominiert ist, können die Wahlkampfstrategen der SPD auf Hochtouren arbeiten. Der Spitzenkandidat liest indessen eilig die Protokolle der alten Landtagssitzungen nach, stellt seinen persönlichen Stab zusammen und richtet sein Wahlbüro ein: „Ich muß in sieben Wochen das nachholen, wofür ich eigentlich sieben Monate gebraucht hätte.“