„Wahre Ferien beginnen heute schon im Jet. Sie erreichen Ihr Reiseziel ausgeruht, frisch, in voller Form.“

Air France.

Die Boeing Jet „Château de Maintenon“ mit dem Ziel Tokio fegte über Frankreich. Wer dem Laster des Fliegens verfallen ist, wählt auch dann den Flugweg, wenn er zwei Stunden zum und vom Flugplatz fahren muß – für 45 Minuten Flug. Aber ich brauchte nicht so schnell wieder auszusteigen, ich konnte das Fliegen auskosten. Ich war auf dem Weg einmal um die Erde, und in welcher Form der Reisende dann ist, das würde sich schon zeigen. In fremde Augen sehen, fremde Ansichten hören, fremde Geräusche, fremdartige Gerüche. Mit neuen Bildern angefüllt, kehrt der Reisende zurück. Und es ist später, als du denkst. „Ich habe mehr gesehen, als ich wollte“, habe ich neulich bei dem passionierten Reisenden Ernst Jünger gelesen. Kann es einem so gehen? Eine besorgte, ironische Freundin hat geschrieben: „Müssen Sie denn so gewissenhaft den alt-amerikanischen Reisesatz: We did Europe in a fortnight auf die Welt ausdehnen?“ Nun, ich habe die Hetze nicht erfunden, und immerhin waren eine Pause in Bangkok und ein längerer Aufenthalt in Tahiti vorgesehen. Soll ich mich fürchten vor der Frage nach der Rückkehr: „Was haben Sie nun wirklich gesehen?“ Es ist besser, ein Gemälde selbst zu betrachten, als nur Reproduktionen im besten Bilderbuch. Und ein Tag in Bangkok ist mehr als Jahre in Klanxbüll. Wie mein Reisegenosse Albert Schulze-Vellinghausen sagt: „Es bleibt – immer von neuem – dringlich, für den Schock einer unmittelbaren, originalen Anschauung zu sorgen

Unser Jet raste an den Alpen vorbei, und die Zeit reichte gerade für einen Imbiß von Paris bis Rom. Dann gab es kleine Geschenke zum Zeitvertreib. Salben und Wohlgerüche für die Damen, Keramikaschenbecher zum Mitnehmen, Puppen aus Frankreich. Aber als wir müde wurden, zeigte es sich, daß die rassige Kolbenmaschine 1959 über dem Pol nach Tokio bequemer war. Wieder einmal war der Fortschritt auch ein Rückschritt. Damals ruhte ich lang ausgestreckt; hier in dem schnellen Jet, der immerhin auch 13 Stunden lang bis Bangkok meine Wohnung ist, hockte ich zusammengekrümmt. Und der Mustermensch, der diesen Sessel ausprobiert hat, muß ein Fragezeichen gewesen sein. Saß ich doch in der falschen Maschine? Eine südpazifische Round the World Airline annoncierte schon: „Seit Düsenflugdienste verkehren, verkürzten sich die Reisezeiten um die Hälfte. Damit schienen die Schlafsessel ihre Bedeutung verloren zu haben. Nach zweijähriger Erfahrung bieten wir nun den bequemsten Düsenflug um die Welt im Relaxachair mit verstellbarer Fußstütze.“ Die Iata-Konferenzen der Fluggesellschaften zählen zu ihren originellen Spielen den Streit um Beinfreiheit und Sitzbreite ebenso wie die Auseinandersetzungen, wieviel Wurstscheiben auf einem Sandwich liegen dürfen.

Die „Maintenon“ hat aber auch Vorzüge. Ein Schloß ist ein Schloß, und in unwirtlichen Gegenden 12 000 Meter über der Erde bei einer Außentemperatur von Minus 55 Grad weiß man das Vier-Stern-Essen prepare par Maxim beginnend mit Kaviar, einschließlich Plateau de fromage mit acht Sorten und la bombe glacee à l’elixir du Frigolet, sehr zu schätzen, dazu Burgunder Volnay champans 1953. Nur der Champagner schmeckt nicht wie unten auf der Erde. Auch Spitzenweine vertragen diese Höhen nicht. Man machte die Erfahrung, sie altern rapide. Wenn sich das erst die Weinhändler und Whisky-Fabrikanten zu eigen machen! Die Bedienung der französischen Stewards und der Stewardessen aber ist so aufmerksam und liebenswürdig, daß die besten Lokale in Paris oder anderswo es schwer haben, damit zu konkurrieren. Und die grazile Japanerin im Kimono reicht erfrischende heiße Tücher.

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Das Mittelmeer ist mit Wolken bedeckt. Am Abend in der Dunkelheit ein Stop in Teheran. Hitze. Orient. Ein Rausch von Silber. Armbänder klirren. Frauen in hauchdünnen, leuchtendgrünen Pluderhosen. Wir haben zwei Stunden Verspätung, und in Delhi wird die Zeit auf dem Flugplatz eingeholt. Die Passagiere dürfen die Maschine nicht verlassen. Am Boden ist sie ohne Aircondition. Glühende Hitze fährt uns an. Wir suchen etwas Luft an der Gangway. Indisches Bodenpersonal mit schönen Barten und blauen Turbanen jagt uns zurück. Wolken von Aerosol insectide benebeln uns. Wir halten artig still. Wer Kontinente durchmißt, muß steril sein. Es wird nach Leuten mit der Staatsangehörigkeit Kambodscha gesucht. Die Franzosen entledigen sich der Sache mit Witz: Auch im WC wird angeklopft, und die Dame gefragt: „Madame, êtes vous Cambodgienne Und der zweite Pilot springt hurtig die Gangway hinauf und herunter, trotz der Hitze. Während die Maschine getankt wird, impft er die Düsen mit einer großen Spritze. Behende, ein gedrungener, kräftiger Typ, Sicherheit ausstrahlend. Wir sind in den besten Händen.