Von Jürgen Werner

Der Zweck heiligt die Mittel: Unter diesem – Motto standen die Spiele in der Santiago-Gruppe.

Bei den Spielen der Chilenen waren es die mit gnadenloser Härte geführten Zweikämpfe, die ohne Rücksicht auf die Gesundheit des Gegners nur den Vorteil erstrebten. Vom Anspucken bis zum Treten des Gegners, ohne daß dieser im Ballbesitz ist, kommt alles in ihrem Repertoire vor! Ein Symptom dafür, mit welcher Erbitterung, ja mit welchem Fanatismus diese „Spiele“ durchgeführt werden. Dem entspricht auch das Verhalten der Zuschauer. Die mit Sägemehl gefüllten Sitzkissen werden hochgeschleudert, aufgerissen, und wie ein Konfettiregen ergießt sich der Inhalt über die Zuschauer. Bei jedem Torerfolg geraten die Spieler wie die Zuschauer in Ekstase. Minutenlange Ovationen des Publikums, minutenlange Gratulationscouren der Kameraden für den Torschützen, Abküssen des Balles, des Mitspielers, kurz: Theater in allen Variationen läßt die Spiele zur Schau werden. Über das sportliche Ziel hinaus werden nationales Prestige, persönlicher Ruhm oder materielle Vorteile erstrebt. Leider nicht zum Vorteil des Fußballsports.

Dabei hat Chile eine ausgezeichnete Mannschaft. Die ersten zehn Minuten gegen die Schweiz z. B., die auf einen dramatischen Spielverlauf schließen ließen, waren nur die Ouvertüre für sie, bis sie sich im Hauptstück eindeutig in Szene setzten und dann die Schweizer zu Statisten degradierten. Diese gaben nur die Stichworte, alles übrige war ein Monolog der chilenischen Mannschaft.

Erstaunlich war hier noch die mangelhafte physische Verfassung der Schweizer, die – um im Boxjargon zu sprechen – die letzten 30 Minuten stehend k. o. waren. Der vielgerühmte Abwehrblock war löcherig wie der Käse gleichen Namens.

Die Chilenen dagegen waren hervorragend in Jeder Hinsicht: Physisch, taktisch und psychisch auf die Minute topfit. Daß sie es sich zum Schluß leisten konnten, eine „Exhibition“ zu veranstalten, da sie nicht mehr ernsthaft gefordert wurden, ändert an diesem Urteil nichts. Die Meldungen, die von einer im Vergleich zum Vorjahr stärkeren Mannschaft, die schon damals Deutschland 3:1 schlug, sprachen, sind nicht übertrieben.

Das Spiel Deutschland gegen Italien hätte keinen Fußballästheten begeistern können und einen Laien in seiner Meinung über das „rauhe Fußballspiel“ bestärkt, In seiner Härte glich es dem des Vortages zwischen Chile und der Schweiz, nur mit dem entscheidenden Unterschied, daß sich diesmal zwei gleichwertige Gegner gegenüberstanden. Hier galt das Bibelwort: „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ noch etwas. Auch in diesem Spiel wirkte die auffällige Theatertaktik der Italiener provozierend und wenig sportlich. Short und Altafini, die Stars unter ihren Kollegen, waren die Hauptsünder. Kaum ein Zweikampf wurde von ihnen ritterlich geführt; gab es ein Foul, die beiden waren immer dabei.