Von Walter Gong

Bonn, im Juni

Leben unsere zum Europadienst abgestellten Beamten herrlich und in Freuden, steuerfrei und auf Kosten des deutschen Steuerzahlers – zum Verdruß der schlecht besoldeten, hochbesteuerten Kollegen in Bonn? Diese Frage mußte sich nach der Lektüre einiger recht aufreizender Presseberichte von selber einstellen, und in der Tat griff der FDP-Abgeordnete Kohut zum Mittel der Kleinen Anfrage, um im Bundestag in Erfahrung zu bringen, ob es wohl stimme, daß ...

Nun, es stimmt nicht – und das hätte sich eigentlich sowohl in Bonn als auch in Brüssel recht mühelos feststellen lassen. Doch wird am Beispiel dieser Veröffentlichungen aus offensichtlich Bonner Quelle besonders deutlich, wie aus einem geschickt hingeworfenen Schneeball eine kleine Lawine wird und wie diese dann den wahren Sachverhalt unter sich begräbt.

Angefangen hatte es mit einem Bericht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der offensichtlich zum Teil auf der Lektüre des neuen Status der EWG und EURATOM beruhte. Hier werden streng sachlich Tatsachen aufgezählt – oder das, was man für Tatsachen hielt –, die wahrlich das Blut eines redlichen Dieners der Bundesrepublik zum Sieden bringen konnten. So hieß es: In der höchsten Besoldungsstufe erhielten die Europabeamten 4847,85 DM Grundgehalt, Auslandszulagen nicht mitgerechnet; eine Putzfrau in Brüssel erhielte den Nettobetrag von 473,85 DM, „Auslandszulagen“ nicht mitgerechnet; es gäbe 80 DM Kindergeld, dazu je Kind 16 Prozent Auslandszuschlag und Erziehungsbeihilfe; die Bezüge seien steuerfrei; schon nach 10 Dienstjahren habe man Anspruch auf ein Ruhegehalt, und so weiter und so fort...

Den Ruf „Deutsche Putzfrauen, auf nach Brüssel!“ griffen andere Publikationen prompt auf – in einigen von ihnen wurden die Putzfrauen schon zum Beamtenstand gezählt –, und das Höchstgehalt von fast 5000 DM wurde (steuerfrei, versteht sich) nicht nur in der höchsten Besoldungsstufe vergeben. In einem besonders flotten Artikel stand sogar wörtlich zu lesen, ein Europabeamter brauche „fast gar nichts zu tun...“ Und das mit einem horrenden Gehalt und steuerfrei und pensionsberechtigt nach 10 Jahren!

Überaus seltsam ist aber nun, daß von einem deutschen Massenandrang zu Europaposten nichts festzustellen ist: Die Brüsseler Stellen haben außerordentliche Mühe, Spitzenkräfte aus dem deutschen Behördendienst (und nur solche sind in diesen internationalen Gremien zu gebrauchen) in ihre Dienste zu verpflichten. Nicht einmal Diplomdolmetscherinnen erliegen den Verlockungen des „süßen Lebens“ im nahen Auslande, denn bei der deutschen Industrie verdienen sie mehr – und außerdem sind daheim, wie eine von ihnen offenherzig schrieb, „die Heiratsaussichten besser“. Warum also diese Diskrepanz zwischen einer angeblich alle Normen der Beamtenbesoldung sprengenden Überbezahlung – und dem geringen Andrang deutscher Fachkräfte? Lassen wir die Putzfrauen beiseite und stellen wir lediglich fest, daß sie weder Beamte sind, noch aus Deutschland importiert werden und daß sie in Brüssel, ob sie nun Europas Flure reinigen oder private, genau nach dem vom belgischen Gesetz festgelegten Mindeststundenlohn bezahlt werden.