Bonns jüngster Staatssekretär

Der neue Bundespressechef: Sein Name ist Hase, aber er weiß fast alles von Theo Sommer

Im Garten des Einfamilienhauses Grüner Weg26 zu Bad Godesberg steht ein Kaninchenstall; hinter dem Maschengitter mümmelt ein silbergrauer Chinchilla bedächtig vor sich hin. Der „Glückshase“ heißt er und ist nicht nur das Entzücken der fünf kleinen Töchter, sondern auch ein sinniges Symbol für den glückhaften Aufstieg ihres Vaters. Oberst Gerd Schmückle, der Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums, hat das Häschen dem Mann verehrt, der lange Jahre sein Kollege im Auswärtigen Amt war und seit Montag als Nachfolger Felix von Eckardts Bundespressechef ist – Karl-Günther von Hase.

Der neue Bundespressechef erhielt seine Ernennungsurkunde wenige Stunden, bevor er im Gefolge des Bundeskanzlers zum Staatsbesuch nach Frankreich aufbrach. Mit 44 Jahren ist er der jüngste Staatssekretär Bonns geworden, zugleich aber einer der einflußreichsten. Als Leiter des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung herrscht er über einen Apparat von rund 600 Angestellten und Beamten. Anderwärts würde man einen solchen Apparat – der einen Jahresetat von über 100 Millionen Mark hat – ohne Zögern als Ministerium deklarieren. Hierzulande, im Lande des Joseph Goebbels unseligen Angedenkens, läßt man derlei Etikettierung lieber bleiben. Aber das ändert nichts daran, daß das Bundespresseamt eine wichtige Behörde ist und sein Chef ein einflußreicher, ja, ein mächtiger Mann.

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Karl-Günther von Hase hat sich nicht auf seinen neuen Posten gedrängt. Er hat eine atemberaubende, für die Koblenzer Straße ganz und gar unorthodoxe diplomatische Karriere hinter sich; die höchsten Beamtenstellungen des Auswärtigen Amtes hätten ihm offengestanden, wäre er seiner Neigung gefolgt und geblieben. War er nicht vor einem Dreivierteljahr erst zum Leiter der Abteilung West II berufen und dabei vom Vortragenden Legationsrat I. Klasse, zwei Sprossen der Hierarchie-Leiter auf einmal nehmend, kurzerhand gleich zum Ministerialdirektor befördert worden? West II ist eine der drei politischen Abteilungen des Auswärtigen Amtes; die Referate NATO, UN, Abrüstung, Großbritannien und Commonwealth, USA, Mittel- und Südamerika, Afrika südlich der Sahara gehören dazu. Selbst ein alter Hase hätte sich da erst einarbeiten müssen. Der für Bonner Begriffe junge Hase schaffte es durch Fleiß und Energie, seine Arbeit in neun Monaten in den Griff zu bekommen.

Dann kam der Ruf des Bundeskanzlers. Es mögen von Hase, dessen rascher Aufstieg seiner selbstkritischen Bescheidenheit nichts anzuhaben vermochte, wohl Zweifel gekommen sein, ob er ihm folgen solle. Manche seiner Freunde rieten ihm auch, erst einmal den Brocken seines sprunghaften Avancements im vergangenen Herbst zu verdauen. Aber als der Kanzler ihn „am Portepee faßte“, sagte er ja. Allerdings sagte er auch, daß der Posten des Bundespressechefs dann nicht durch organisatorische Umgestaltungen geschwächt werden dürfe. So unterblieb denn die Aufsplitterung dieses Postens in Verwaltungschef und Regierungssprecher; der neue Bundespressechef tritt die Nachfolge Eckardts mit ungeschmälerten Befugnissen an.

Er weiß: für einen „jungen Mann“ ist das eine einmalige Aufgabe, und er will sich ihr mit aller Energie widmen. Er weiß indessen wohl auch, daß sie nicht einfach ist. Aller Wahrscheinlichkeit nach wird er der letzte Pressechef Konrad Adenauers sein. Das bedeutet, daß er in einer Übergangszeit amtieren muß, in einer Zeit der anbrechenden Diadochenkämpfe. Zudem ist er der Sprecher einer Regierung, die auf dem schütteren Fundament einer prekären, krisenanfälligen Koalition ruht. Der heimliche Buschmesserkrieg ist in vollem Gange, und es wird Hase nicht immer leichtfallen, den blitzenden Klingen aus dem Wege zu gehen und dennoch die Öffentlichkeit gleichmäßig zu informieren, wie es seines Amtes ist. Das wird viel Geschick und noch mehr Charakter erfordern.

An beidem mangelt es ihm freilich nicht. Es ist ihm im Leben nichts in den Schoß gefallen, und es ist ihm auch wenig erspart geblieben. Er hat sich indes nie durchlaviert, sondern stets durchgesetzt: kraft Leistung, nicht vermittels Patronage. Er, der weder ein Universitätsstudium absolviert noch die übliche diplomatische Ochsentour im Ausland durchlaufen hat, ist durch eine seitens Kombination von Begabung, Energie, Verantwortungsfreude und unbestechlichem Berufsethos auf seinen heutigen Posten getragen worden.

Die Diplomatie war im übrigen seine zweite Karriere. In der ersten – als Offizier – hatte es der 1917 geborene Schlesier bis zum Generalstabsmajor gebracht; das Deutsche Kreuz in Gold und das Ritterkreuz zierten damals seine Uniform (seinen Diplomatenfrack zieren sie heute freilich nicht). Nach dem 20. Juli 1944 mußte er aus den Generalstab ausscheiden. Zu tief war seine Familie in den Widerstand gegen Hitler verwickelt: sein Onkel, der Berliner Stadtkommandant Generalleutnant Paul von Hase, wurde nach dem gescheiterten Umsturzversuch gehenkt, sein Vetter, der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer, gleichfalls hingerichtet. Fünf Jahre – bis Ende 1949 – war von Hase in sowjetischer Kriegsgefangenschaft Als er zurückkam, bereitete er sich dann in der Diplomatenschule Speyer auf den Auswärtigen Dienst vor. In Bonn verdiente er sich als Presseverbindungsmann Hallsteins seine ersten Sporen, war dann drei Jahre lang an der Botschaft in Ottawa, wurde 1956 stellvertretender Pressereferent und 1958 schließlich Pressereferent und Sprecher des Auswärtigen Amtes.

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