Von Kurt Pinthus

Eine in vielen Ländern in vielen Jahren viel umgetriebene reifende Frau veröffentlichte 1959 ihr Erstlings-Gedichtbuch, aus dem ein neuer, doch lange erwarteter Ton hörbar war (gleichzeitig auch in der Lyrik anderer Dichter vernommen): der Ton der Einfachheit und Klarheit, aus untergründigem Chaos destilliert – Visionen, Bilder, Assoziationen von weltweiter Vielfalt, durch geschwind schwebenden Rhythmus und innere Logik einprägsam, einleuchtend zusammengehalten.

Hilde Domin, nach ihrem Studium in Heidelberg und einer langen Zeit des Exils in Italien, England, Südamerika, Spanien eine Weile seßhaft als Lektorin an der Universität von Santo Domingo und dann in New York, lebt seit einigen Jahren wieder in Deutschland. Kürzlich hat sie in einer Zeitschrift ein „Selbstporträt“ veröffentlicht, ein zartes Gespinst aus erinnerter Wirklichkeit und Phantasie, in dem sie erzählt, wie sie in dem kokospalmenumstandenen „Haus am Rande der Welt“, verwaist und vertrieben plötzlich „aufstand und heim ging in das Wort“: „Ich richtete mir ein Zimmer ein in der Luft – unter den Akrobaten und Vögeln“.

„Nur eine Rose als Stütze“ hieß ihr Erstlingsbuch, das jetzt in zweiter Auflage erscheint. Acht Jahre lang hatte sie Gedichte für sich selbst geschrieben, bevor dies Buch herauskam; drei Jahre später folgt jetzt ihr zweites –

Hilde Domin: „Rückkehr der Schiffe“; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 61 S., 7,50 DM.

Aus der reifenden Frau ist eine reife Dichterin geworden. Ihr „Selbstporträt“ schließt: „Mein Wunsch ist, mit weniger mehr zu sagen.“ Diesen Wunsch hat sie mit einer Vollkommenheit erfüllt, die ihr vielleicht selbst nicht bewußt ist, denn Einfachheit und Klarheit sind in diesen neuen, neuartigen Gedichten zu beispielloser Konzentration und Kondensation gelangt, ohne daß durch den Einschmelzungsprozeß der Reichtum ihrer Erlebnisse, Visionen, Träume und Bilder eingeengt oder verdorrt ist. Während sich in Hilde Domins erstem Gedichtbuch lange und sehr lange Gedichte finden, gibt es unter den achtundvierzig neuen nur drei Gedichte, die einige Zeilen mehr als eine Seite haben; die meisten sind ganz kurz, in ganz kurzen raschen Zeilen von Bild zu Bild sich schwingend, kaum eine halbe Seite.

In ihren Gedichten braust nicht Sturz und Steigen durch Kosmos und Jahrtausende wie in den schmerzvoll hymnischen Ausbrüchen ihrer Schwester im Exil und Leid, Nelly Sachs. Schmerzvoll sind auch die zarteren Gebilde der Hilde Domin, aber sie spricht von ihrem eigenen Schmerz, als wäre es nicht ihr eigener, in Bildern von Landschaft, Gegenständen, Natur und Stadt unserer Gegenwart und unseres Planeten. Beim Wiederlesen und Lautlesen erkennt man im Vorüberwehen dieser scheinbar simplen Verse die hart erarbeitete Struktur, das bewußt Kontrapunktische, Fugenhafte. Etwa der unheimliche, identitäts-sehnsüchtige „Angsttraum“: