Von Günter Blöcker

Tennessee Williams ist der Prügelknabe der deutschen Theaterkritik. Er teilt das Los der Künstler, die starker stofflicher Reize bedürfen, um produktiv zu werden, und die eben darum leicht in ein gewisses Zwielicht geraten. Zwar haben sie den Populargeschmack auf ihrer Seite, aber der feinere oder sich feiner dünkende applaudiert ihnen allenfalls unter der Hand. In dieser Hinsicht ergeht es Williams ähnlich wie Puccini. Nur mit dem Unterschied, daß bei Puccini Lungenschwindsucht, Foltergraus, von der Zimmerdecke herabtropfendes Blut und japanische Selbstentleibung vom süßen Wogen der Melodien überspült werden. Bei Tennessee Williams dagegen hat die wüste Stofflichkeit seiner Sexualtragödien mehr und mehr das Gefühl dafür erstickt, daß auch er ein heimlicher Musiker ist, ein Mann der Melodien, ein Lyriker der Bretter; und das nicht allein, was die atmosphärischen Details und die Poesie der szenischen Erfindung angeht (vor allem in der „Glasmenagerie“, aber auch in „Endstation Sehnsucht“ und sogar in „Plötzlich letzten Sommer“), sondern auch die Sprache. Während sich der Dichter immer hoffnungsloser, immer selbstquälerischer in den Irrgärten der Psychopathologie zu verlaufen scheint, während er mit zwanghafter Hartnäckigkeit Greuel über Greuel vor dem Betrachter auftürmt, ist er zugleich bemüht, uns mit den sanften Zauberklängen seiner Worte darüber hinwegzutrösten.

Die Erzählungen des Autors – die vorliegende Sammlung

Tennessee Williams: „Sommerspiel zu dritt“, Erzählungen, Deutsch von Paridam von dem Knesebeck; S. Fischer Verlag, Frankfurt/M.; 263 S., 16,50 DM

enthält eine Auswahl aus den Bänden „One Arm“ und „Hard Candy“ – zeugen von der gleichen Spannung zwischen krasser Thematik und lyrischer Sprachgebärde. Doch sie tun es auf minder heftige, versöhnlichere Art als seine Theaterstücke. Es erweist sich, daß die erzählerische Distanz einem Talent dieser Art höchst zuträglich ist. Manches, was in der körperlichen Unmittelbarkeit der Szene nur degoutant wirken könnte (etwa das Treiben des munter-verkommenen Paares in „Zwei in einem Boot“), gedeiht auf der unsichtbaren Bühne der Erzählung zur reinen, beinahe abstrakten Komödie. Während das Theater leicht zu einem Vergrößerungsglas wird, das das Grobe noch gröber erscheinen läßt, die zarteren Valeurs jedoch zum Verblassen bringt, gewährt uns das Leseerlebnis die Wohltat, bei der sprachlichen Lösung verweilen und sie als solche genießen zu dürfen.

Auch der fatale Anspruch auf symbolische Würde, den der Dramatiker Williams im Hinblick auf seine Fabeln und Figuren zu erheben pflegt, die ein wenig klebrige Bedeutsamkeit, mit der er seine klinischen Fälle auszustatten liebt, erscheinen im trockeneren Klima der Erzählung teils gemildert, teils besser begründet. Wenn wir von dem Autor angehalten werden, den Fall von Kannibalismus in seinem Drama „Suddenly Last Sommer“ als ein Symbol unserer menschenfresserischen Existenz schlechthin zu betrachten, so ist diese Forderung durch Art und Intensität der künstlerischen Darstellung nicht hinreichend begründet.

Der schöne Mörder und Apoll der Gosse dagegen, von dem die Geschichte „Einarm“ berichtet, gewinnt dank der schichtenden, Abstand schaffenden Formulierungskunst der Erzählung am Ende tatsächlich eine gewisse überindividuelle Gültigkeit. Er wird zu einer Gestalt mit dem düsteren Charme der Geschlagenen: ein Ausgestoßener, der dennoch in den Herzen aller derer Wurzel schlägt, mit denen er in Berührung kam; ein zum Tode Verurteilter, der zum Beichtiger, ja, zum Erlöser der Schuldigen und Beladenen wird. Gewiß darf man nicht daran denken, was ein Dichter wie Jean Genet aus dem gewagten Thema gemacht, welch luziferischen Glanz er ihm verliehen hätte. Doch auf seine empfindsam-brutale Art hat Williams es ebenfalls bemerkenswert gemeistert. Das gilt auch für die weniger ehrgeizige Erzählung „Das Wesentliche“, die aber gerade durch den Takt und die strenge Beschaffenheit für sich einnimmt, womit sie sich in den Grenzen einer andeutenden psychologischen Studie hält.