Zürich

Florhofgasse 1

28-2-33

Lieber Max,

... Ich freue mich sehr für Sie, lieber Max, daß Sie noch beizeiten aus dem Affenstall herausgekommen sind, und ich wünsche Ihnen für Frankreich alles Gute. Lieber Freund, ich fürchte, jetzt kommen die sieben magern Kühe und wir werden an ihren Brüsten liegen müssen und das Gift der Drachenmilch in den Zahn der Zeit beißen. In meinem Ohr rauscht es viel zu sehr, als daß ich Ihnen den fälligen politischen Leitartikel schreiben könnte. Sie wissen ja selbst was los ist. Die in Deutschland wissens zum Teil noch nicht. Noch am Laternenpfahl zappelnd sind alle stinknational und passen Sie auf: nach den sehr bösen Monaten, die nun kommen werden (Standrecht, ein bis zwei Todesurteile, sinnloser und unterdrückter Putschversuch von Arbeitern, noch ein oder zwei „Reichstagsbrände“) wird Totenstille eintreten. L’Ordre règne à Varsovie. Und dann wird sich die Klammer im Laufe der Jahre langsam lockern, und dann wird das Schlimmste vom Schlimmen kommen: „Ich weiß gar nicht was Sie wollen, so schlimm ist es doch gar nicht!“ Und dann wird die Tatsache, daß ihre Rassegenossen nicht vom Trottoir heruntermüssen, wenn ich vorbeireite, als Liberalismus gelten.

Lieber Max, an was arbeiten Sie jetzt heran? Wo gehn Sie hin? Was macht der sausende Webstuhl der Zeit? Haben Sie an der Stühlin gewoben? Lieber Max! ich bin hier bei Freunden zu Gaste, und daher ist es billiger als in Paris, auch kann ich in meinem jetzigen Zustand nicht unter Leute gehen. Aber das wird sich in 4–5 Jahren sicher ändern.

Lieber Max, schreiben Sie mir mal, ich will es auch tun, und bis daher verbleibe ich als Ihr sehr lieber nein – lieber Freund, nicht mal im Spaß mag ich den Vornamen Walter schreiben: