In Moskau ist der „Weltkongreß für allgemeine Abrüstung und Frieden“ zu Ende gegangen. Nur schade: Wir wären gern dabei gewesen, zumal wir am Anfang herzlich eingeladen waren zur Teilnahme, ja, sogar ausdrücklich aufgefordert worden waren zur Diskussion. Und herzlich gern hätten wir auch das unsrige gesagt. Wir hätten dabei freilich nicht nur auf unbestreitbare westliche Versäumnisse in früheren Abrüstungskonferenzen hingewiesen, sondern hätten es uns zugleich angelegen sein lassen, die fragwürdige sowjetische Abrüstungspolitik in Moskau zur Sprache zu bringen. Noch einmal: Schade, wirklich schade!

Mochten andere sagen: „Man geht nicht hin zu solchen Moskau-Konferenzen. die ohnehin bloß östlicher Propaganda dienen!“ so teilten wir diese Meinung nicht. Wir wären gern hingefahren, und sei es bloß, um vor der Öffentlichkeit dieses „Weltkongresses“ auf ein paar „Kleinigkeiten“ zu verweisen. Etwa auf die historische Schuld, mit der die Sowjetunion sich vor aller Welt beladen hat, als sie im Jahre 1961 die ausgestreckte Hand der abrüstungsbereiten neuen US-Regierung zurückwies. Durch einen „Brückenkopf der Zusammenarbeit den Dschungel des Mißtrauens zurückzudrängen“ – dazu hatte der amerikanische Präsident sich in seiner Antrittsrede erbötig gemacht. Die sowjetische Antwort bestand darin, neues Mißtrauen in Genf zu schüren und die Berlin-Krise aufs neue anzuheizen. Und wie war es denn bei der Moskauer Pugwash-Konferenz vom November 1961? Die sowjetischen Wortführer machten den Vertretern Kennedys Hoffnungen auf größeres Entgegenkommen in der Abrüstungsfrage (wie dies auch zur Zeit in Genf geschieht) und wußten doch ganz genau, daß zur selben Stunde schon die Vorbereitung neuer sowjetischer Kernwaffenversuche angeordnet war!

Handelte es sich hier nicht um böse Absichten und um Tricks, so handelte es sich wenigstens um Rätsel, zu deren Lösung beizutragen wir die weite Reise nach Moskau nicht gescheut hätten. Schade! Als wir unsere Bereitschaft und das, was wir vortragen wollten, dem Komitee des „Weltkongresses“, Moskau K 45, Roshdestvenskij-Boulevard 12, mitteilten, erhielten wir keine Antwort mehr. Dreimal schade.

Inzwischen haben wir vernommen, wie die Dinge liefen. Freilich, die Botschaft des uralten (durch seine englischen Landsleute) leider am Kommen verhinderten eigenwilligen Friedenskämpfers Lord Rüssel ist nicht nur vor dem Gremium des Kongresses verlesen, sondern Wort für Wort auch in den sowjetischen Zeitungen veröffentlicht worden, obwohl sie unbequem für beide Teile war. Zwar geschah im übrigen, was erwartet werden konnte: östliche Anti-West-Propaganda. Aber es fiel bei alledem doch auf, daß der britische Delegierte Silverman von der Labour Party sich auf dem Rednerpodium laut Gedanken darüber machen konnte, aus welchem Grunde Chruschtschow wohl zu den jüngsten amerikanischen Explosionsversuchen im Kosmos zur Zeit noch schwieg. Wolle er etwa selber ähnliche Experimente machen? Und wirklich erklärte die sowjetische Nachrichtenagentur TASS in diesem Zusammenhang: „Nicht nur Moral und Recht – auch die Friedensinteressen und das allgemeine Sicherheitsbedürfnis fordern, daß die Sowjetunion mit den nuklearen Experimenten fortfahren muß!“ Und schließlich fiel eines noch auf: Englische Teilnehmer des Kongresse zeigten öffentlich Plakate mit Inschriften wie „Nieder mit den amerikanischen Bomben“, aber auch „Nieder mit den russischen Bomben“. Sie hatten wohl dem Roten Platz dieselben Möglichkeiten zugetraut wie der Londoner Debattier-Ecke Hyde-Park-Corner, wo jeder seine Meinung sagen darf. Aber da wurden die Friedensdemonstranten energisch zurechtgewiesen. Weg mit diesen Burschen vom Roten Platz! Nieder mit den Plakaten! Denn so allgemein war die „Allgemeine Abrüstungskonferenz“ wieder nicht gedacht.

Viel Beifall hatte Jean Paul Sartre, der Philosoph aus Paris, als er jene Sorte von Anti-Kommunismus anprangerte, die aus faschistischen und rassischen Quellen stammt, wobei er die Kämpfe der französischen Truppen in Indochina und Algerien erwähnte. Aber er erwähnte auch – Kafka, den Dichter, für den Verständnis aufzubringen den Kommunisten nicht nur in der „DDR“, sondern sogar in Rußland verwehrt ist.

In diesem Zusammenhang ist es interessant, auf die Rede Ilja Ehrenburgs zu verweisen. Er, der sowjetische „Tauwetter“-Prophet, sagte: „Wir im Osten haben augenblicklich keinen Tolstoj, keinen Puschkin; der Westen keinen Balzac, keinen Dickens. Und doch bin ich der Auffassung, daß die Feder mächtiger sei als das Schwert oder die mächtigste Wasserstoffbombe. Welche Verantwortung ruht auf uns! Der Schriftsteller muß in seinem Gewissen verantwortlich sein für die Leser. Ist er dies nicht, so ist er nur ein manischer Schreiberling oder ein Literat im Dienste anderer. Laßt uns einen ‚Runden Tisch‘ der Autoren gründen, damit wir gemeinsam den ‚Kalten Krieg‘ und den Zerfall der Kultur bekämpfen!“ Er sagte noch, es sei sehr gut, daß bald die Menschen den Mond erreichen würden. Dies aber annulliere nicht den „Mond der Poeten“.

So also Ehrenburg, der vom Poeten der Angst nicht sprach, nicht von Kafka, immerhin aber sagte, er müsse Sartre darin Recht geben, daß der „Kalte Krieg“ die geistige Welt des Menschen deformiere und Hochmut und Haß schüre unter den Völkern. Da könnten die Schriftsteller helfen! „Aber viele sind nicht zum Kongreß gekommen“, sagte Ehrenburg traurig. „Sie wollten sich nicht von ihren Manuskripten losreißen.“