Selten ist ein Boykott so gründlich durchgeführt worden

C. M., Berlin

Letzthin überraschte die Direktion der sowjetzonalen „Reichsbahn“ die Westberliner mit der Nachricht, daß „alle Berliner zu ihrer Stadtbahn zurückgekehrt“ seien. Indes – so schien es den Berlinern – sprach die „Reichsbahn“-Behörde damit nur einen großen Wunsch aus, keine Wahrheit. Denn die S-Bahnen verkehren in den, drei Westsektoren nach wie vor fast ohne Fahrgäste. Die S-Bahn wird noch immer boykottiert – und selten ist ein Streik so lange und energisch aufrecht erhalten worden. Leere Stadtbahnzüge, aber überfüllte Autobusse; leere S-Bahnhöfe, aber eine Untergrundbahn, in der sich die Leute drängen. So stellt sich in Westberlin die Lage dar.

Ich fuhr während der Hauptverkehrszeit mit der Stadtbahn:

Ein S-Bahnhof im Berliner Bezirk Steglitz: Graue Fassaden, die noch heute an die Nachkriegszeit erinnern. Die Halle präsentiert sich schmucklos. Nur einige kleine Läden darin geben sich farbenfreudiger. Am Fahrkartenschalter außer mir kein einziger Fahrgast. Die Dame, die einst hier ständig Fahrkarten verkaufte, schminkte sich gerade. Ich mußte sie unterbrechen: „Eine Fahrkarte zu zwanzig bitte.“ Wortlos überreichte sie mir den kleinen Schein. „Kann ich noch einen Streichholzbrief bekommen?“ fragte ich vorsichtig. „Ham wa nich“, meinte die Schöne gelassen.

Vor einigen Tagen hatte ich versucht, einen solchen Streichholzbrief am S-Bahnschalter im Bahnhof Zoo zu bekommen. Mit diesen Geschenken hatte die Direktion in Ostberlin versucht, Werbung für die S-Bahn zu treiben. Denn auf den Streichholzbriefen stand zu lesen, daß die S-Bahn sicher, billig und schnell sei. Aber auch am Bahnhof Zoo hatte ich die begehrten Streichhölzer nicht erhalten. Die Dame am Schalter meinte: „Die kriegen wir nicht mehr! Wat soll dat?“ Nun, Höflichkeit ist nie eine besondere Stärke der S-Bahn-Leute gewesen.

Der Bahnsteig in Steglitz war ebenso leer wie die Halle. Die Bänke hatten lange keinen neuen Anstrich erhalten, und auch das Bahnhofsdach war noch nicht erneuert worden. Es regnete immer noch an der gleichen Stelle durch – und noch immer stand ein alter Eimer dort.