Bei der Telefunken GmbH, Berlin, wo sich seit Jahren die nach dem Vorbild der General Electric aufgestellten langfristigen Pläne für Produktion und Umsatz mit überraschender Exaktheit erfüllt haben, ist im Geschäftsjahr 1961/62 (3’.3) erstmals die tatsächliche Entwicklung hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Waren bisher Zuwachsraten im Umsatz zwischen 21 und 25 % die Regel, so liegt das Ergebnis von diesmal 741,5 Mill. DM nur um rund 7 % höher. Vorstandsvorsitzer Dr. Hans Heyne, der vor der Presse mit vorbildlicher Offenheit den auskunftsfreudigen Geschäftsbericht der nicht publizitätspflichtigen Gesellschaft erläuterte, gab freimütig zu, dieses Ergebnis liege um etwa 15 % unter dem geplanten. Selbst wenn die Mindererlöse ausgeschaltet sind und dann der Menge nach ein Absatzplus von 10 % besteht, gewinnt das Bild noch längst nicht die bei Telefunken gewohnten strahlenden Züge.

Wenn Dr. Heyne dennoch der Leistung seines Unternehmens die Note „bestanden“ erteilt und die Zukunft mit einer eindeutigen Zuversicht beurteilt, so hat er gute und überzeugende Gründe dafür. Bekanntlich teilt sich bei Telefunken das Geschäft in Waren und technische Artikel, die von kleinsten Bauelementen bis zu Sendern, Radarstationen für die Flugsicherung, Rechenanlagen, automatischen Briefverteilanlagen und sonstigen Erzeugnissen der Elektronik reichen, von denen ein Durchschnittsbürger unserer Tage kaum mehr als den Namen versteht. „Vom Astropeiler bis zur Schnulzenplatte“ charakterisierte Dr. Heyne das Produktionsprogramm. Wenn im Sommer 1963 auch eine deutsche Bodenstation imstande sein wird, mit dem Nachrichtensatelliten „Telstar“ von Oberbayern aus in Verbindung zu treten, so wird außer Siemens auch Telefunken entscheidendes zu dieser Technik beigetragen haben.

Machte vor über zehn Jahren das „klassische“ Telefunken-Geschäft in Rundfunk- und Tonbandgeraten, Plattenspielern und ähnlichen Konsumgütern noch 85 % des inzwischen auf über das achtfache gestiegenen Umsatzes aus, so werden sich in wenigen Jahren beide Geschäftszweige etwa die Waage halten. Das Unternehmen strebt zur Verringerung des Risikos eine Ausweitung des Produktionsprogramms für das technische Geschäft an.

Der Grund für die unerwartet ungünstige Entwicklung lag ausschließlich beim Warengeschäft. Die auch von anderen Produzenten beklagte Verzögerung bei dem Entscheid über das künftige zweite Fernsehprogramm hat das Unternehmen doppelt getroffen: einmal beim Absatz der eigenen Geräte, zum anderen durch die Zurückhaltung anderer Hersteller, die von Telefunken Bildröhren und sonstige Bauelemente beziehen. Bekanntlich war die deutsche Fernsehgeräteproduktion im letzten Jahr mit insgesamt 1,7 Mill. Empfängern um etwa 650 000 oder fast 30 % niedriger als 1960. Inzwischen ist die Klarheit geschaffen, wenn auch das zweite Programm und die dann möglichen weiteren Regionalprogramme erst im nächsten Jahr anlaufen. Nach den Erfahrungen in den USA und in Großbritannien, wo erst bei einer Ausstattung von 60 bis 70 % aller Haushalte eine gewisse Marktsättigung eingetreten ist, erwartet die Branche und damit auch Telefunken bei der gegenwärtigen deutschen Marktdichte von nur etwa 30 % künftig wieder ein besseres Geschäft.

Sieht man von der fast schon alltäglichen Kostensteigerung, vor allem für das Personal, ab, so ist das Ergebnis keineswegs enttäuschend. Der Dividendensatz von 14 % für die AEG als alleinige Gesellschafterin blieb zwar unverändert, erfordert aber wegen der zum Ende des Berichtsjahrs vorgenommenen Kapitalerhöhung auf 140 (125) Mill. DM einen Ausschüttungsbetrag von 17,5 (14,9) Mill. DM.

Die Bilanzstruktur hat sich sogar trotz der unerfüllten Erwartungen verbessert, vor allem infolge einer Umschichtung innerhalb der Verbindlichkeiten von 252,6 (250,7) Mill. DM, die jetzt mit 81,0(55,5) langfristig und mit 16,3 (28,4) Mill. DM kurzfristig sind. Investiert wurden 53,9 (64,9), abgeschrieben 41,9 (38,1) Mill. DM. G. G.