„Genosse Münchhausen“ (Deutschland; Produktion: Satir-Film): Wolfgang Neuß, bekannter Kabarettist mit Filmambitionen, stellt nunmehr sein im „Alleingang“ und mit abenteuerlichen Finanzierungsmethoden hergestelltes satirisches Opus „Genosse Münchhausen“ der Öffentlichkeit vor. Im Unterschied zu „Wir Kellerkinder“, Neuß’ erstem Film, hat dieser eine noch mehr kabarettistische Struktur – leider, denn sie wirkt sich zum Nachteil aus. Der Durchschnittsmensch Puste (Neuß) ist zunächst Kleinbauer auf einem westlichen Acker nahe der Zonengrenze. Dort taucht ein wirr phantasierender Nato-Stratege auf, der Puste überredet, mit einem just notgelandeten sowjetischen Düsenjäger privatim „Luftaufklärung“ über östlichen Gefilden zu betreiben. Über der Sowjetunion muß Puste aber herunter, erlebt krause Abenteuer, um dann zusammen mit anderen Sowjetmenschen in eine Venusrakete zu steigen, die aber auf der Insel Sylt niedergeht. Schließlich landet Puste wieder in seiner alten Gegend – diesmal aber östlich der Grenze. „Und wenn wir alle nicht gestorben sein wollen, müssen wir erst einmal so leben“, verkündet der Kommentar angesichts des Grenzstacheldrahts. Neuß ging es bei der Transponierung des Münchhausen-Stoffs ins Moderne um die Auflockerung ost-westlichen Klischeedenkens. Die Selbstüberschätzung abendländischer Verteidigungsplaner wird deutlich karikiert, andererseits erscheinen die Russen „menschlich“, das heißt aus der gleichen kabarettistischen Perspektive gesehen wie westliche Bürger. Am Schluß geht Neuß hart ins Gericht mit Bonner Ausschüssen und Ministerien, die für Pustes publizistischen Eifer nur dogmatisches Unverständnis aufbringen. Das alles rundet sich aber keineswegs zur Fabel, sondern bleibt eine Aneinanderreihung teils guter, teils weniger guter Gags und Pointen, die vorzugsweise auf dem Umweg über das Wort mitgeteilt werden. Trotz intensiver Bemühungen vermag Neuß sich aber nicht vollständig vom bundesdeutschen Denkkonformismus zu lösen, seine Polemik ist immer noch mit Klischees durchsetzt; wichtige, an sich beherzigenswerte Sätze werden nicht immer am richtigen Ort ausgesprochen. „Genosse Münchhausen“ ist ein nicht zu Ende gedachter Film, aber doch ein frischer Luftzug in der hiesigen Film-Einöde. grg