London, Mitte Juli

Gladstone, der große liberale Staatsmann, sagte einmal: „Um ein guter Premierminister zu sein, muß man ein guter Metzger sein.“ Zwar hatte Macmillan bisher die Fähigkeit, Minister rücksichtslos zu „schlachten“ und durch neue zu ersetzen, in den langen Jahren seiner Regierung kaum bewiesen. Nun aber hat er sich eines großen Teils seines Kabinetts mit einem Schlag entledigt und darüber hinaus weitgehende Veränderungen in der gesamten Regierung vorgenommen. Daß es sich um eine Verzweiflungstat handelt, ist fraglos; fraglich aber ist, ob diese Tat die konservative Partei über die nächsten Wahlen hinaus an der Macht erhalten wird.

Macmillan faßte den Entschluß bezeichnender Weise am Donnerstag voriger Woche, dem Tag der konservativen Nachwahl-Katastrophe von Leicester. Lange bevor die endgültigen Ergebnisse vorlagen, war schon klar, daß die Wähler in Leicester von Lohnpause und Preissteigerungen und hohen Hypothekenzinsen die Nase genau so voll hatten, wie die Wähler in so vielen Wahlkreisen vorher. Auf dringenden Rat des Fraktions-Einpeitschers Mr. Redmayne, wurde dem Minister Selwyn Lloyd schon am Donnerstagnachmittag der Schierlingsbecher gereicht – und siehe, er trank ihn nicht mit Vergnügen.’ Alle ausscheidenden Minister schrieben dem Premierminister einen Brief, aber nur das Schreiben Selwyn Lloyds wurde bisher veröffentlicht – ohne Zweifel, weil er darauf bestanden hatte. „Sie haben mir nahegelegt zurückzutreten...“, schrieb er. Da wird nicht vorgetäuscht, daß er selbst etwa amtsmüde sei – wie es der ausscheidende Wohnbauminister Dr. Charles Hill ohne Zweifel ist, wie es vielleicht auch Lordkanzler Kilmuir ist. Nein, Selwyn Lloyd benutzte den Brief, um noch einmal festzustellen, daß seine Finanzpolitik „zwar unpopulär“ gewesen sei, aber doch richtig und notwendig. Noch mehr: Macmillan hatte ihm angeboten, als Viscount ins Oberhaus einzuziehen. Selwyn Lloyd lehnte ab. Wohl hat er nachträglich versichert, daß er die Regierungspolitik nach Kräften unterstützen werde. Aber man weiß doch, daß er – wie kein anderer – der berufene Wortführer konservativer Kritik sein wird, falls die Finanzpolitik seines Nachfolgers, die erwartete Auflockerung seiner eigenen Sparsamkeits- und Entsagungsdoktrin, nach einer Periode inflationären Aufschwungs zu einer neuen Zahlungsbilanz-Krise führen sollte. Und daß Selwyn Lloyd sich als Sündenbock empfinden muß, ist selbstverständlich.

Jeder weiß, daß der Premierminister ihn zum Sündenbock für eine Finanzpolitik macht, die der Premierminister selber (der seinerzeit ebenfalls Schatzkanzler war) entscheidend mitbestimmt hat. Es gibt nur einen Vorwurf, den Macmillan dem Exminister Selwyn Lloyd wirklich machen kann: die Tatsache nämlich, daß er sich unfähig gezeigt hat, der Bevölkerung etwas Unverdauliches schmackhaft zu machen. Zugegeben, daß Selwyn Lloyd diese Gabe ganz besonders abgeht; aber die geforderte Fähigkeit grenzt an Zauberei.

Niemand bezweifelt, daß Reginald Maudling, der neue Schatzkanzler, vom Selwyn-Lloyd-Kurs beträchtlich abweichen wird. Und nur wenige bezweifeln, daß Peter Thorneycroft der neue Verteidigungsminister, nicht unwesentlich vom Watkinson-Kurs abweichen wird. Im Gegensatz zu Selwyn Lloyd wurden Harold Watkinson von keiner Seite je persönliche Fähigkeit abgestritten. Sein Verteidigungs-Weißbuch geriet vor einigen Monaten unter schwerstes Kreuzfeuer, nicht nur von Seiten der Opposition, sondern auch von einflußreichen konservativen Militär-Experten. Seine Prioritäten-Verteilung konventioneller Streitkräfte wurde kritisiert, weil sie dem europäischen Raum, also Deutschland, zu wenig Bedeutung beimißt; vor allem aber wurde sein Kernwaffenprogramm kritisiert, weil es trotz aller Kostspieligkeit den Zweck einer „unabhängigen Abschreckung“ nicht erfüllt und nicht erfüllen kann.

Es heißt, daß es zwischen Watkinson und dem amerikanischen Verteidigungssekretär McNamara bei der AMTO-Konferenz in Athen zu Auseinandersetzungen kam; und wenn auch in den letzten Wochen immer wieder geleugnet wurde, daß sich MacNamaras Rede über die Sinnlosigkeit und die Gefahren „unabhängiger“ nationaler Kernwaffen-Programme gegen Watkinson gerichtet habe, so hat sie sich eben doch auch gegen ihn gerichtet.

Im Unterhaus konnte Macmillan selber nicht erklären, wie angebliche Unabhängigkeit vereinbar sei mit der Tatsache totaler nuklearer Koordination mit Washington – und mit der Sicherheit, daß Großbritannien einen unabhängigen nuklearen Einsatz nur um den Preis des von MacNamara an die Wand gemalten nationalen Selbstmordes je wagen könnte. Das Kommen und Gehen in Paris, bei dem auch immer klarer wurde, daß de Gaulles nuklearen Ambitionen irgendwie entsprochen und daß daher versucht werden muß, ein gemeinsames europäisches Kernwaffen-Programm zu entwickeln – auch das warf immer längere Schatten nach London und immer tiefere Schatten über Watkinsons Karriere.