Die vom Federal Reserve Board am 10. Juli in Kraft gesetzte Senkung der Mindestdeckung für Börsenkreditgeschäfte von bisher 70 auf 50 % hat eine weit über das Technische hinausgehende finanzpolitische Bedeutung. Sie stellt nämlich die allererste Maßnahme der amerikanischen Regierung seit dem Beginn der Baissebewegung in Wall Street dar, die sich als Hilfe und Stütze für eine Erholung der Aktienkurse auf längere Sicht erweisen könnte, auch wenn dieses Ziel vom Federal Reserve Board (FRB) keineswegs ausgesprochen wird. Im FRB würde man sogar ein solches Ziel oder einen solchen Zweck unter keinen Umständen zugeben. Denn im Zentralbankinstitut begründet man die „Marginsenkung“ lediglich damit, daß sich im Laufe der letzten Wochen das Kreditvolumen des New Yorker Aktienmarktes beträchtlich vermindert habe, und daß die „spekulative Psychose“ abgeebbt sei. Man kann gewiß gute Gründe als Bestätigung dieser Behauptung anführen. Die Bankkredite an Bankkunden für die Finanzierung von Aktienkäufen gingen nämlich im Laufe des Monats Juni um 5 % gegenüber dem Vormonat auf insgesamt rund 1,3 Mrd. Dollar zurück. Außerdem reduzierten die Börsenmaklerfirmen im Juni ihre Kreditaufnahme bei den Banken zum Zwecke der Finanzierung von Aktienkäufen ihrer eigenen Kunden um 600 Mill. Dollar auf insgesamt 2,2 Mrd. Dollar; dies war der stärkste monatliche Kreditrückgang bei den Maklerfirmen in der gesamten Nachkriegsperiode.

Soweit die offizielle Begründung des Federal Reserve Board. Es ist gewiß günstig, daß die Kreditabnahme im Börsengeschäft dem Zentralbankinstitut zu Hilfe kommt, um eine plausible Erklärung für eine Stützungsmaßnahme zu geben. In Wall-Street-Kreisen vertrat man seit langem die Meinung, daß eine Mindestdeckung von 70 % für Börsenkreditgeschäfte überhöht war. Erst heute wurde aber in New Yorker Finanzkreisen bekannt, daß die Kennedy-Regierung während des scharfen Kurssturzes in Wall Street beim Chairman des FRB, McChesney Martin, darauf gedrungen hatte, wenn möglich eine Marginsenkung zu verfügen, um dem Markt im Zeitpunkt der größten Bedrängnis eine Stütze zu gewähren. Wie in hiesigen Finanzkreisen verlautet, argumentierte man damals aber in der Leitung des unabhängigen FRB gegen eine solche Maßnahme. Denn im FRB stellte man sich auf den Standpunkt, eine Senkung der Mindestdeckung sollte nicht als „Kur“ für einen Kurssturz verfügt werden, der nicht durch ein mangelndes Kreditvolumen im Börsenverkehr ausgelöst war. Überhaupt hielt man im FRB von jeher eine Marginsenkung für nicht gerechtfertigt als Mittel zur Bekämpfung eines Kursrückganges. Eingriffe in die Marktentwicklung und besonders Beeinflussungen der Börsentendenz lehnt man im FRB ab.

Eine äußerst wichtige Konsequenz der offiziellen Marginreduktion wird man darin zu erblicken haben, daß durch eine Erhöhung der Ausnutzung von Börsenkrediten auf 50 % die Versuchung zur Aufnahme der sogenannten „non purpose-Loans“ für Börsengeschäfte bei den Banken weitgehend ausgeschaltet oder eingeschränkt wird und damit diese Hintertür zur Umgehung der Börsenkreditvorschriften geschlossen wird. Wie erst kürzlich in der ZEIT ausgeführt wurde, hatte nämlich diese weitgehend praktizierte Umgehung sehr erheblich zu dem scharfen Kurssturz von Ende Mai beigetragen.

Am 10. Juli, dem ersten Tage nach Inkrafttreten der Senkung der Mindestdeckung, hatte die Maßnahme zunächst umfangreiche Aktienkäufe bei hektischem Börsenverkehr zur Folge. Nachher beruhigte sich das Börsengeschäft wieder, und nach der ersten Erregung und Nervosität stellte sich wieder ein geordneter Börsenverkehr ein. Wichtiger als diese ersten Auswirkungen sind die Einflüsse, die auf längere Sicht von der soeben beschlossenen Steuerreduktion ausgehen werden.

R. H. S., New York