Ein Wandel in der amerikanischen Atompolitik?

Wir müssen mit der französischen Bombe leben! Auf diese resignierend-realistische Formel laufen offenbar die Überlegungen hinaus, die seit neuestem in Washington angestellt werden und die einen Prozeß ankündigen, den man vielleicht schon als eine strategische „Neuorientierung“ bezeichnen darf.

Nicht, daß man im Weißen Haus und im Pentagon die bisher gültigen militärischen Überlegungen plötzlich als falsch erkannt hätte. Nach wie vor gilt hier die feste Ansicht, daß nach den Geboten der militärischen Vernunft eine nuklearstrategische Regelung, wie sie bisher die militärische Konzeption der Amerikaner bestimmt hat, die beste wäre. Also: die große Abschreckungswaffe einzig und allein im festen Griff der USA – einem Griff, den zu lösen nur das Wort des Präsidenten imstande sein darf. Darüber hinaus: Nationale Atomstreitkräfte im NATO-Verband sind unnütz, überflüssig, ja, gefährlich. Es war der amerikanische Verteidigungsminister McNamara, der diese Überzeugung unlängst noch einmal unmißverständlich formuliert hat – und dies nicht nur mit dem Blick auf Frankreich, sondern auch auf England (was an der Themse einiges Ärgernis hervorrief).

Nicht militärische Vernunft ...

Kein Zweifel, daß diese Einsicht das politische Handeln Washingtons auch heute noch bestimmen würde, wenn jene militärische Vernunft, von der die Rede war, einziger Maßstab bleiben könnte. In einer Zeit aber, da die Nuklearstrategie mit der Politik und insbesondere mit der Außenpolitik aufs engste verflochten ist, kommen Faktoren ins Spiel, die eine militärische Reißbrettplanung allein nicht zu erfassen und zu berücksichtigen vermag.

Nicht Argumente der Vernunft also waren es, die jene Sinneswandlung in Washington in Gang setzten, sondern die Einsicht in eine unangenehme, aber leider nicht wegzuleugnende Realität. Und diese Wirklichkeit sieht nun einmal so aus, daß in Frankreich und hier und dort auch anderwärts im westlichen Europa die Befürchtung um sich gegriffen hat, man könne sich im Ernstfall auf den amerikanischen Nuklearschutz nicht verlassen – schon heute nicht und noch viel weniger in Zukunft, wenn sich die Amerikaner einmal von dem europäischen Kontinent zurückziehen könnten. Allzu bekannt ist mittlerweile der Standardbeleg für diese Einstellung: Ein amerikanischer Präsident wird es nur schwer über sich bringen, New York und Washington für Berlin, Hamburg oder Paris zu opfern. Dies aber bedeute, daß man sich eben selber schützen, mit einer Atommacht schützen müsse.

Sich selber schützen – was heißt das? Im Fall Englands und später dann (waffentechnisch viel zu spät) im Falle Frankreichs hat dies bedeutet, daß mit gewaltigen finanziellen Aufwendungen nationale Atomstreitkräfte auf die Beine gestellt wurden. Beide erfüllen indes ihren Zweck nicht. Wenn die amerikanische Abschreckung keine Sicherheit bringt, weil sie angeblich nicht glaubhaft ist, so bringt die nationale Abschreckung schon ganz gewiß keine Sicherheit – einfach, weil sie die potentiellen Angreifer nicht schreit. Doch hat diese Beurteilung jene Politiker von ihrer Haltung nicht abzubringen vermocht, die meinen, eine winzige Atomstreitmacht, der man sicher ist, sei immer noch besser als alle großen Bomben der Welt – die in der Entscheidungsstunde in ihren Depots liegen bleiben. (Sprechen wir hier gar nicht von der Verblendung, die bei alldem das überlebte und doch noch so wirksame Nationalprestige stets und ständig hervorruft!)