Von Hermann Bohle, Brüssel

Die kommunistisch beherrschte Welt gerät bei wachsenden wirtschaftlichen Schwierigkeiten erstmals in die Defensive: seit 1949 kennt der Sowjetblock nur den trägen Schritt der Wirtschafts-Koordinatoren des Comecon (Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe) – daneben demonstrieren die Länder der EWG den Bewohnern Osteuropas die Lebenskraft und das politische Wachstum in einer freiwilligen, kommandolosen Kooperation. Was bewirkte die westliche Dynamik im Osten: Erstens hat man drüben erkannt, daß die EWG erfolgreich sein wird und zweitens versucht Chruschtschow, durch eine „Flucht nach vorn“ seinen Block wirtschaftlich zu integrieren. Es fehlt dem Comecon nämlich noch an „monolithischer Einheit“; ja sogar im politischen Gefüge zeigen sich Risse. Aber Chruschtschow hat „seinen Hallstein“ gut gelesen. Er will zu lockere Fesseln durch beschleunigte Wirtschaftsverflechtung im Comecon härten und den Ostblock kommunistisch straffen – was allerdings für Polen das Ende seiner „Sonderrolle“ bedeuten könnte. Zugleich zeichnet sich aber in der Ferne die Möglichkeit eines europäischen Nachbarschaftsverhältnisses ab: zwischen einer in der atlantischen Partnerschaft weiter erstarkten Europäischen Gemeinschaft und den vorläufig von der Sowjetunion dominierten Comecon-Ländern, die den Welthandel auch gebrauchen.

Der Sowjetblock hat am Westhandel ein natürliches Interesse. Das erklärt sich aus dem Bestreben, unerfüllte Erwartungen des eigenen Wirtschaftswachstums auf diesem Wege auszugleichen und dem eigenen, auf dem XXII. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion formulierten Ziel möglichst schnell näher zu kommen: dem „entscheidenden Sieg im ökonomischen Wettbewerb mit dem Kapitalismus“. Das ist gar nicht neu – wenn man von der Phase der Autarkiepolitik Stalins absieht. Schon Lenin formulierte, eine sozialistische Republik werde ohne Handelsabkommen mit „imperialistischen Staaten auf dem Mond landen“. Sogar zu Stalins Lebzeiten, bei der Moskauer Weltwirtschaftskonferenz im April 1952, erklärte die Sowjetunion erstmals klar ihre Bereitschaft zur Beseitigung aller Handelshemmnisse und „nötigenfalls“ zum Abschluß multilateraler Handels- und Zahlungsabkommen. Die Sowjetregierung verfolgte einen doppelten Zweck:

1. Die NATO-Liefersperre für strategische Güter aus dem Westen zu beendigen;

2. Die Importe industrieller Güter aller Art für die eigene wirtschaftliche Expansion zu steigern.

Auch Chruschtschows neuer Vorschlag vom Mai – Einberufung einer internationalen Konferenz unter dem Dach der UNO zur Befreiung des Welthandels von aller Diskriminierung – ist schon zwei Jahre alt und liegt in der bisherigen Linie.

Moskaus „liberale“ Neigungen (was den internationalen Handelsaustausch betrifft) brauchen von niemandem als Erleuchtung gefeiert zu werden. Der Ostblock wickelt mit dem Westen – hier vor allem mit Westeuropa – bisher gerade so viel Handelsgeschäfte ab, wie für die Deckung der Planlücken unerläßlich. Importiert werden zum Beispiel chemische Ausrüstungen (von denen die Sowjetunion 1960 rund Dreiviertel der Eigenproduktion im Westen dazu kaufte), Eisenbahnrollmaterial, Rohre, Edelstahlprodukte oder Maschinen. Die hohe sowjetische Einfuhr von Apparaten für den „Planschwerpunkt“ Chemieindustrie zeigt im Vergleich zur Herstellerleistung der eigenen Industrien, wie weit die Sowjetunion zur Planerfüllung in einigen Bereichen auf den Westhandel angewiesen ist.