Am 12. Juli wurde dem bekannten Bankier und Währungspolitiker, Professor L. Albert Hahn, in Marburg der Ehrendoktor rer. pol. verliehen. An der gleichen Universität war er vor fünfzig Jahren zum Doktor jur. promoviert – so daß denn der Dekan der Fakultät von einer einzigartigen Diplom-Kombination sprechen konnte. Da Hahn seinerzeit nach dem Doktor jur. auch noch den Doktor phil. absolvierte, ist er nunmehr in drei Fakultäten beheimatet.

In Form biographischer Notizen skizzierte Hahn in seinem Vortrag in großen Zügen die währungspolitischen Probleme der letzten fünfzig Jahre, was ihm den herzlich willkommenen Anlaß bot, sich selbst über die Jahrzehnte hinweg zu zitieren. Gewöhnlich bringt solches Tun nur dem Autor Vergnügen, in diesem Falle war es ein Genuß für jedermann. Denn selten hat es jemanden gegeben, der in diesem komplizierten Gebiet so selbstverständlich zu Hause ist und sich mit solcher Assurance in dem Gestrüpp der währungspolitischen Probleme und Theorien der letzten fünf Jahrzente zurechtfand wie Albert Hahn. Er konnte, wie er selber sagt, dies einzig und allein dank eines festen geld- und kredittheoretischen Weltbildes,

Sein Vortrag begann mit den Worten: „Ich nenne diesen Vortrag ‚Fünfzig Jahre zwischen Theorie und Praxis’. Denn ich werde schildern, wie ich zwischen diese beiden Mühlsteine geraten bin und wie ich überlebte.

Ich hätte den Vortrag auch ‚Fünfzig Jahre zwischen Inflation und Deflation‘ nennen können. Haben doch die Volkswirtschaften der Welt seit Beginn des Ersten Weltkrieges ihr Gepräge weitgehend durch die abwechselnden Inflationen und Deflationen erhalten, die, von den politischen Ereignissen wie den Weltkriegen herbeigeführt, auch ihrerseits als gewaltige, immer unterschätzte Anreger politische Erdrutsche auslösten. Wie anders, hätte sich beispielsweise das Schicksal Deutschlands, ja, der Welt gestaltet, wenn eine durch die Brüning-Luthersche Deflationspolitik zur Verzweiflung getriebene Nation sich nicht extremistischen Phantasten ausgeliefert hätte?

Es scheint eine Art Gesetz zu walten, nach dem die Welt von diesen abwechselnden Inflationen und Deflationen heimgesucht wird. Zur Erklärung dieser Gesetzmäßigkeit bedarf es keinerlei Hegelscher Dialektik. Sie beruht einfach auf dem kurzen Gedächtnis der Menschen, das offenbar nur ausreicht, sich der letzten, nicht aber der weiter zurückliegenden Erfahrungen zu erinnern. Während der Depressionsjahre 1929–1933 ließ man insbesondere in Deutschland die schwerste Deflationskrise aller Zeiten weiterlaufen, weil man eine Wiederholung der vorangegangenen Inflation fürchtete. Und seitdem hat man sich allerorts und besonders in USA einem bequemen Inflationismus hingegeben, weil man die Deflation der dreißiger Jahre und ihre Folgen immer noch vor Augen hat.“

Mit diesem unterlegten Schema des Inflation-Deflationspendelschlages teilt Professor Hahn die Zeitspanne vom Ersten Weltkrieg bis heute in vier Perioden ein:

„1. Die Zeit der Inflation während und nach dem Ersten Weltkrieg, in der mein Kampf im wesentlichen der Inflationspolitik der deutschen Reichsbank unter Havenstein galt.