Angesichts von Bestrebungen, innerhalb der europäischen Automobilindustrie zu einer Arbeitsteilung zu kommen, könnte man auf den ersten Blick der Versuchung erliegen, den Italienern eine dominierende Position auf dem Gebiet des Karosseriebaues einzuräumen. Namen wie Pininfarina, Ghia, Bertone und Vignale sprechen für sich. Diesen Unternehmen ist es im letzten Jahrzehnt gelungen, dem „auto-styling“ in der Neuen wie in der Alten Welt ihren Stempel aufzudrücken. Die „italienische Linie“ erfreut sich bei Autoliebhabern der gleichen Wertschätzung wie die Kreationen der Pariser Haute Couture bei der Damenwelt.

Nun – genauso wenig wie Aussichten bestehen, daß die von interessierter Seite propagierte Arbeitsteilung im Automobilbau verwirklicht wird, so wenig würde man der italienischen Automobilindustrie gerecht, wenn man nur von den Leistungen der Karosserie Notiz nehmen würde. Immerhin nahm Italien 1961 unter den Ländern, die Automobile herstellen, mit rund 760 000 Kraftwagen den sechsten Platz ein. Den fünften Platz in der Weltrangliste haben den Italienern die Japaner weggeschnappt, die ihre Automobilproduktion in der Berichtszeit von rund 481 500 auf 815 000 Wagen steigerten.

Ohne den Mammutkonzern Fiat würde die italienische Automobilindustrie allerdings im internationalen Wettbewerb wesentlich ungünstiger abschneiden. Fiat stellte 1961 rund 632 000 Kraftfahrzeuge her. Davon wurden über 400 000 im Inland und über 230 000 im Ausland verkauft. Die durchschnittliche Produktion pro Arbeitstag konnte 1961 auf 3000 Wagen erhöht werden, wie dem letzten Geschäftsbericht zu entnehmen ist. Das Programm weist eine Typenvielfalt auf, die ohne Frage anderen Automobilherstellern zu grauen Haaren verhelfen würde. In fast jeder Klasse macht man sich selber Konkurrenz. Dennoch erfreuen sich alle sieben Pkw-Modelle einer lebhaften Nachfrage.

Allerdings beschäftigt sich der Fiat-Konzern keineswegs allein mit der Produktion von Personenkraftwagen, Nutzkraftfahrzeugen und Traktoren. Er stellt außerdem Eisenbahnmaterial, Schiffsmotoren, stationäre Motoren, Turbinen, Flugzeuge und Flugzeugmotoren sowie andere Metallprodukte her. Man steht also auf vielen Beinen und kann die Schwergewichte in der Produktion verlagern, wenn die Marktsituation es erfordert.

Ein Unternehmen mit einem Jahresumsatz von 641 Mrd. Lire – davon 539 Mrd. aus der Automobilproduktion – kann sich ohne Frage stark genug fühlen, um auch einmal den Gewerkschaften die Zähne zu zeigen, wie die Aussperrung eines Teils der Belegschaften der Turiner Werke kürzlich zeigte. Über 107 000 Personen verdienen bei Fiat ihr Brot, die meisten von ihnen in Turin, wo auch die Hauptverwaltung ihren Sitz hat. Auch die anderen Werke sind auf den Norden Italiens verteilt, doch hat der Vorstand beschlossen, durch Errichtung eines großen Werkes in Sizilien zur Industrialisierung des armen Südens beizutragen.

Der Export erreichte bei Fiat im Jahre 1961 eine Summe von 163 Mrd. Lire. Er zeigt auch weiter eine steigende Tendenz, und es werden alle Anstrengungen gemacht, um die Auslandsumsätze noch zu erhöhen. Fiat ist in 150 Ländern der Welt durch 27 Niederlassungen, 15 Firmenbüros, 150 Großhändler und rund 3800 Händler und Servicestationen vertreten und verfügt außerdem außerhalb Italiens über 20 Fabrikationsstätten und Montagewerke. Eins davon befindet sich in der Bundesrepublik, und zwar in Heilbronn am Neckar.

Die Differenz zwischen der Gesamtproduktionszahl der italienischen Automobilindustrie und dem Fiat-Anteil – rund 128 000 Fahrzeuge – verteilt sich in der Hauptsache auf die Firmen Alfa Romeo, Lancia, Maserati, Ferrari und Autobianchi. OM, ein führendes Unternehmen der Nutzkraftfahrzeugindustrie, ist seit 1932 eng mit Fiat liiert. Seine Produktionszahlen sind in den 128 000 Wagen nicht enthalten.