Die Turn Weltmeisterschaften von Prag haben gezeigt, wie stark auch in den nicht meßbaren Sportübungen die menschliche Leistung noch zu verbessern ist, Aber die Turner der Sowjetunion stehen nicht mehr allein. Die Japaner haben ihnen zum zweiten Male im Mannschaftsturnen den Rang abgelaufen, In den Einzelwettbewerben sind Könner aufgetaucht wie Cerar, Jugoslawien, und der Tscheche Krbek neben den Japanern Ono, Endo und Aihara, denen die Russen nur noch Titow als Weltmeister entgegenstellen konnten. Dabei wäre wahrscheinlich auch Titow kein Weltmeister geworden, wenn er nicht die Gunst der Ostblockkampfrichter gehabt hätte, die in Prag allzu willfährig gegenüber den Russen gewesen sind.

Künftig werden sicher die Chinesen eine Rolle spielen und wahrscheinlich schon in Tokio 1964 die großen Rivalen der Japaner sein. Eine hervorragende Leistung boten die Tschechen, die sich nahezu unbemerkt auf den dritten Rang vorschoben. Zu bewundern ist die Leistung des Schweizer Trainers Günthard, der wieder aus zehn italienischen Turnern eine hervorragende Riege zauberte. Die Leistung der USA hat ein Janusgesicht: In der Kür Weltklasse, in der Pflicht guter Durchschnitt. Befohlene Übungsteile sind nichts für die Individualisten aus Amerika. Gelänge ihnen hier eine stärkere Konzentration, muß man sie in zwei Jahren ebenfalls als reif für den Titel betrachten. Auch die Finnen sahen in der Kür weit besser aus als nach der Pflicht, und die Schweiz mühte sich redlich, wieder Anschluß zu gewinnen.

Demgegenüber herrscht bei uns eine Entwicklung, die für die nächste Zeit keine Besserung erwarten läßt, wenn nicht ein ganzes System geändert wird. Die Deutschen haben regelrecht den Anschluß verschlafen und stehen jetzt vor den Trümmern ihrer „Kunstturn-Politik“, die durch unglückliche Ausfälle nur noch schlimmer wurden.

Für den neutralen Beobachter ist es unbegreiflich, daß nicht alle Landeskunstturnwarte des DTB in Prag gewesen sind. So nahebei und so gut besetzt wird es in absehbarer Zeit kaum eine Weltmeisterschaft wieder geben.

Im Frauenturnen behauptete die Sowjetunion nach wie vor recht klar die Spitze. Immerhin haben auch die Tschechinnen einen kleinen Einbruch erzielt, während die großen asiatischen Nationen Japan und China nachdrängen. Auch die mitteldeutschen Mädel, die auf eine so gute Kraft wie Ute Starke aus Leipzig verzichten mußten, hinterließen einen starken Eindruck.

Der bundesdeutschen Riege muß man zugute halten, daß sie keinerlei Aussichten in Prag hatte und so gut turnte, wie es eben ging. Die Turnerinnen trifft kein Verschulden. Die DTB-Führung konnte nicht mehr erwarten. Sie darf sich aber nicht wundern, wenn sie trotzdem die volle Kritik trifft. Dennoch dürfte es bei den Turnerinnen des DTB leichter gelingen, bald eine stärkere Riege heranzubilden als bei den Turnern, wenn man verstände, das große Reservoir auszunutzen, und wenn der Bundesoberturnwart die organisatorischen Voraussetzungen dafür in Zusammenarbeit mit der Jugendführung trifft. Hier berühren sich formale Schwierigkeiten und Kompetenzen, die für einen Außenstehenden einfach nicht zu verstehen sind. So ließ man Jahre verstreichen, die andere nutzten.

Mehr denn je wird der Deutsche Turnerbund für die nächste Zeit die Aufmerksamkeit auf sich lenken. Man wird ihn genau beobachten, ob er nach dem Fiasko von Prag wieder den Weg nach oben findet. Leider ist die öffentliche Meinung allzu leicht geneigt, die gesamte Arbeit des DTB nach dem „Prager Fenstersturz“ zu beurteilen, denn die sportliche Leistung jedes Bundes oder Verbandes ist nun einmal eine Visitenkarte für seine gesamte Einrichtung. Hans Reip