Im Jahre 1957 schrieb Hans Magnus Enzensberger eine an Schärfe nichts zu wünschen lassende Untersuchung über die Sprache des Spiegel. Nicht faul, druckte der Spiegel sie in extenso, und heute ist Enzensberger (zum Kummer vieler seiner alten Leser) Kolumnist des Deutschen Nachrichten-Magazins.

Vor einigen Tagen nun hat er sich erneut der Ruhestörung schuldig gemacht. In einem Band mit seinen gesammelten Essays aus den letzten fünf Jahren („Einzelheiten“; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 365 S., 15,80 DM) steht ein nicht minder vehementer Aufsatz über ein anderes prominentes deutsches Presseerzeugnis vornan, über die Frankfurter Allgemeine, betitelt „Journalismus als Eiertanz – Beschreibung einer Allgemeinen Zeitung für Deutschland“.

Die betroffene Redaktion tat – was? Druckte sie den Essay, der ja nicht ohne „Nachrichten-Wert“ ist, in großmütiger Selbstverleugnung? Schwieg sie still, so daß sich jeder seinen Teil denken mochte, die Freunde Gutes und die Feinde Böses? Rief sie Dritte zu Hilfe, die Fehde zu kommentieren und eine Lanze einzulegen? Oder waren Enzensbergers Argumente so wenig überlegt, daß sie mit einer Handbewegung vom Tisch gefegt werden konnten?

Wer die Seite 2 der Frankfurter Allgemeinen vom 7. Juli gelesen hat, muß zu dem Schluß kommen, daß letzteres der Fall war. Ausgerechnet derjenige der sechs Herausgeber, der sich gewiß am wenigsten getroffen fühlen konnte, Benno Reifenberg, sprang in die Bresche und nahm die undankbare Aufgabe einer Replik auf sich. Und er schlug Enzensberger, dem „böswilligen Leser“, dem „Adepten des Journalismus, der zugleich sein zünftiger Kritiker sein wollte“, seine Seiten mit der melancholischen Strenge eines enttäuschten Pädagogen um die Ohren. Der FAZ-Leser durfte sein Exemplar mit dem Gefühl aus der Hand legen, es sei alles rechtens: Der arme, irregeleitete Enzensberger, der doch noch kürzlich eine so „reizende Sammlung von Kinderreimen“ herausgab, habe auf der Suche nach einem Raufhandel krampfhaft ein paar weder hieb- noch stichfeste Argumente zusammengestoppelt, die Redaktion der FAZ bemitleide ihn ob seiner kindlichen Unerfahrenheit und teuflischen Schmähsucht, und damit sei der Fall erledigt. Ein paar Deckungen, ein paar Ausfälle, das Duell war zu Ende, und schwerverletzt, schien es, wurde Enzensberger vom Kampfplatz getragen.

Der in der edlen Kunst des Zwischen-den-Zeilen-Lesens ungeübte Leser konnte nicht auf den Gedanken kommen, daß der da so schnell und selbstsicher geschlagene Gegner gar nicht Enzensberger war, sondern eine imaginäre Person, eigens zum Geschlagenwerden aufgebaut. Rundheraus gesagt, und bei aller Verehrung für Benno Reifenberg, der gegenwärtig aus Anlaß seines 70. Geburtstages mit Recht sehr gefeiert wird: Diese Entgegnung langt nicht hin und nicht her.

Jede Zeitung setzt sich unablässig dem Tadel ihrer Leser aus; ein so strenger Kritiker wie Enzensberger könnte allen, auch der ZEIT, am Zeuge flicken, und das wäre kein reiner Spaß. So ist es allein die Tatsache, Zeuge eines Renkontres zu sein, bei dem die eine Partei voreilig zum Verlierer deklariert wird, die es geboten scheinen läßt, Herausforderung und Antwort noch einmal anzusehen. Wenn nicht ein Irgendjemand, sondern immerhin einer der führenden deutschen Schriftsteller der jüngeren Generation eine Reihe ganz konkreter und ausführlich begründeter Vorwürfe gegen eine der respektiertesten und selbstbewußtesten deutschen Zeitungen erhebt, und wenn diese Zeitung das mit einer legeren Geste abtut – dann darf auch der Zuschauer ein Wörtchen mitreden.

Enzensberger hat nicht, was eine Versuchung gewesen sein mag, gegen die redaktionellen Ansichten der FAZ polemisiert; er hat seine Leser auch nicht mit den derzeit so beliebten Enthüllungsgeschichten über einzelne Mitarbeiter gelangweilt. Er hat – in einem pseudo-induktiven Verfahren (denn natürlich wird ihn das Ergebnis kaum überrascht haben) – über einen Zeitraum von zehn Tagen hinweg (nämlich vom 7. bis 16. Dezember 1961) den Nachrichtenteil der FAZ mit dem anderer großer, in- und ausländischer bürgerlicher Zeitungen verglichen. Er hat beschrieben, was er gefunden hat, was er nicht gefunden hat und wie die Nachrichten präsentiert wurden. Es ging ihm um die Methode, nicht den Inhalt.