Von Wolfgang Leonhard

Ein Artikel von 22 Spalten Länge ist selbst für die Prawda etwas Außergewöhnliches. Dieser Platz aber wurde benötigt, um die Sowjetbevölkerung über ein neues großes Vorhaben zu informieren: Bis zum 7. November 1967, dem 50. Jahrestag der Oktoberrevolution, soll eine neue, sechsbändige Geschichte der bolschewistischen Partei vorliegen. Die Veröffentlichung des langatmigen Prawda-Artikels beweist, wie emsig die sowjetischen Parteihistoriker schon seit geraumer Zeit am Werke sind.

Ähnlich wie bei früheren sowjetischen Geschichtsdarstellungen dieser Art wird man freilich nicht mit einem objektiven Werk rechnen können. Die Resultate standen schon fest, noch ehe mit der Arbeit begonnen wurde. Sowjetische Geschichtsbücher, vor allem aber die Parteigeschichte, haben nicht die Aufgabe, das zu schildern und zu analysieren, was sich tatsächlich ereignet hat. Vielmehr haben sie die Ereignisse so darzustellen, wie sie – vom gegenwärtigen Standpunkt aus – vor sich gegangen sein sollen. Die Aufgabe der neuen Geschichtsbände liege darin, so erklärte die Prawda unmißverständlich, „unsere Weltanschauung nicht zu lockern, sondern zu festigen und die Autorität der marxistisch-leninistischen Theorie und der historischen Parteiwissenschaft noch höher zu heben“. Damit steht bereits heute fest, daß „die Partei“ stets „richtig“ gehandelt hat – sowohl vor wie auch nach 1917.

Das neue Werk ist als Krönung der Revision der Parteigeschichte gedacht, mit der wenige Wochen nach dem Tode des Diktators begonnen wurde. Stalin starb am 5. März 1953. Schon am 26. Juli 1953 folgte die Parteirevolution „50 Jahre Kommunistische Partei der Sowjetunion in der – damals zur allgemeinen Überraschung – Lenin über vierzigmal, Stalin dagegen nur fünfmal erwähnt wurde. 1954/55 wurde der „Kurze Lehrgang der Geschichte der KPdSU“ aus den sowjetischen Bibliotheken und Büchereien entfernt, jene unter Stalins Leitung im Herbst 1938 erschienene Schrift, die bis zum Tode des Diktators in über 60 Millionen Exemplaren und annähernd hundert Sprachen veröffentlicht wurde.

Februar 1956 folgte dann der 20. Parteitag mit seiner Kritik am Personenkult Stalin und den Enthüllungen Chruschtschows über Stalin in seinem berühmten Geheimreferat. Die 1957 gegründete Zeitschrift Woprossy istorii KPSS („Fragen der Geschichte der KPdSU“) veröffentlichte anschießend eine große Zahl von Aufsätzen, die in der Stalin-Ära nie gedruckt worden wären. Im Herbst 1958 erschienen dann die „Geschichte der UdSSR in der Epoche des Sozialismus“, im Okotber 1959 die fast tausend Seiten umfassende neue „Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion“. Beide Bücher enthielten bereits eine „ofizielle“ Kritik an Stalin – vor allem an seinem „Personenkult“, an seinen „Verletzungen der sozialistischen Gesetzlichkeit“.

Inzwischen sind aber selbst diese Darstellungen überholt. Die neuen, verschärften Anklagen, die auf dem 22. Parteitag im Oktober 1961 gegen Stalin erhoben wurden, waren ein Indiz, daß die gegenwärtige Sowjetführung in ihrer Kritik an dem Diktator noch weiter gehen wollte.

Eine Bestätigung dafür lieferte nun der 22spaltige Prawda-Artikel. Das sowjetische Zentralorgan fordert die (nicht genannten) Mitarbeiter der neuen Parteigeschichte auf, alle Materialien, Dokumente und Briefe über Fehler und Schwankungen Stalins sorgfältig zu studieren und zu berücksichtigen. Im einzelnen wird dabei eine Neubewertung Stalins in folgenden Phasen angekündigt: