In den vergangenen turbulenten Börsenwochen ist manche Illusion über den Aktienbesitz zerstört worden. Zahlreiche Schlagworte, mit denen in den letzten Jahren für den Aktienerwerb geworben worden war, erwiesen sich als hohl. Eines wissen wir jetzt alle wieder, meine verehrten Leser: Aktien sind Risikopapiere – auch wenn es in den letzten Jahren kaum mehr danach aussah. Soll man aber deshalb künftig von den Aktien seine Finger lassen? Wer in den Aktien nur ein Spekulationsobjekt sieht, mag sich diese Frage ernsthaft überlegen, wer in ihnen jedoch ein Mittel sieht, Ersparnisse anzulegen, wird sich auch weiterhin dieser Papiere bedienen. Aber natürlich nicht ausschließlich, denn das Risiko muß gestreut werden. Für den, der gegenwärtig mit dem Gedanken umgeht, seinen Aktienbesitz zu verstärken, ist unser Gespräch gedacht.

Das Zauberwort in der Aktien-Hausse der zurückliegenden Jahre hieß: Wachstum! Die Börse tat so, als ob der Zuwachs bei Produktion, Umsatz und Gewinnen auf Jahre hinaus Rekordhöhen erreichen würde. Produktion und Umsatz stiegen im allgemeinen nur noch mäßig, die Gewinne der Unternehmen kaum noch. Folglich mußten die Wachstumsvorstellungen der Anleger revidiert werden. Ein anderer Maßstab steht jetzt im Vordergrund: die Rendite, so wie sie sich aus der Dividende errechnen läßt. (Effektivverzinsung des eingesetzten Kapitals.)

Nach einem klassischen Grundsatz sollte die Rendite bei den Aktien höher sein als bei den Renten (festverzinsliche Papiere), weil Aktien eben Risikopapiere sind. Wer diesen Grundsatz bejaht, wird feststellen müssen, daß dann die Aktienkurse noch einen hübschen Weg nach unten vor sich haben. Nur wenige Aktien können es heute mit der Renten-Rendite von 6 % aufnehmen.

Ich glaube, meine verehrten Leser, daß der Grundsatz nur so lange anwendbar war, als die Gesellschaften auch tatsächlich den erwirtschafteten Überschuß voll ausschütteten. Davon sind wir jedoch heute weit entfernt. Nach wie vor soll man bei der Bewertung von Aktien auch jene Gewinne berücksichtigen, die neben der Dividende entstanden sind. Das ist nicht einfach, weil sich der Umfang dieser Gewinne nur schwer ermitteln läßt. Viele Gesellschaften sind Meister im Versteckspielen. Außerdem erhebt sich immer die Frage, welcher Wert den im Unternehmen belassenen Gewinnen beizumessen ist. Für die Mehrzahl der Kleinanleger sind die ausgeschütteten Dividenden sicherlich wertvoller als jene Beträge, die sie zwangsläufig investieren müssen. Aber für die Kursbildung spielen sie nach wie vor eine Rolle.

Unsere Renditen-Tabelle zeigt deshalb beträchtliche Unterschiede. Wenn die Börse allein den Maßstab der Rendite anlegen würde, dürfte es diese Differenzen nicht geben. Aber hier melden sich schon die anderen Bewertungsfaktoren, die an der Börse ebenfalls noch eine Rolle spielen. Die Börse prüft nämlich in der Tat weiterhin die Gesamtrentabilität des Unternehmens und vor allem ihre Zukunftsaussichten.

Die hohen Renditen der Montankurse ergeben sich nicht rein zufällig, sondern müssen als ein Mißtrauensvotum angesehen werden. In der Eisen- und Stahlindustrie hat es bereits Dividendenkürzungen gegeben; weitere werden folgen. Das laufende Geschäftsjahr wird eine merkliche Verschlechterung der Erträge bringen. Allerdings vertritt man in Bankkreisen die Auffassung, daß die großen Konzerne mit breit gestreutem Aktienkapital dennoch in der Lage sein sollten, an ihren alten Dividenden festzuhalten. Sie brauchen ein gewisses „Standing“ am Kapitalmarkt, um künftig Kapitalerhöhungen durchführen zu können. Ganz am Rande spielt auch das Sozialisierungsrisiko eine Rolle, wobei es Leute gibt, die eine Sozialisierung beim Bergbau heute weniger fürchten als noch vor einigen Jahren. Bei angemessener Entschädigung ist sicherlich manches Unternehmen bereit, sich von seinen verlustbringenden Zechen zu trennen. Man spricht von einer Sozialisierung der roten Bilanzzahlen.

Das Anlageinteresse der Kapitalsammelstellen scheint sich stärker der chemischen Industrie zugewandt zu haben. Trotz der zweifellos auch hier vorhandenen Fragezeichen beurteilt man z. B. die Aktien der großen IG-Farben-Nachfolger als „preiswert“, weil man der Ansicht ist, daß in der Chemie gute Voraussetzungen bestehen, den Trend der schwindenden Gewinnmargen zum Stillstand zu bringen. Hier denkt niemand an Dividendenkürzungen. Für die längerfristige Anlage erscheinen in der Tat die jungen; Aktien der Farbwerke Hoechst gut geeignet zu sein.