Das Meer rückt vor – Wellenschlag zerstört die Mauern – „Vertreibung der Armen“ und Plomben aus Zement – Eine City voller Hotels?

Von Irene Zander

Soll Venedig ein Museum, eine „Città abandonata“ ohne Leben werden? Eine Touristenstadt mit „totem Herzen“? Oder soll ein Tunnel von Mestre bis unter den Markusplatz gebaut werden und ein zweiter unter der Lagune hindurch zum Lido? Das Alter zehrt an dieser ins Wasser gebauten Stadt. Was ist gegen den rapiden Verfall am wirksamsten zu tun? Viele Pläne zur Rettung der schönen, unvergleichlichen Stadt wurden schon gemacht und wieder verworfen. Im Pariser Bauzentrum findet augenblicklich eine Ausstellung „Venedig – heute“ statt, die beitragen soll, in Europa das Verständnis für neue Ziele Venedigs zu wecken, denn Venedig geht alle Europäer an. Die Ausstellung geht dann nach London und vielleicht auch nach München.

Kann man Venedig überhaupt retten? Der allenthalben zutage tretende Verfall – faulende, bröckelnde Mauern, sinkende Fundamente – legt es nahe, vom Sterben der Stadt zu reden. Tatsächlich hängt vom Gelingen der Sanierung ihre Zukunft ab. Ein wichtiger Teil der Stadtplanung befaßt sich mit der Rettung. Das reicht von der Abschirmung des Meeres bis zur Einrichtung von Hotelzimmern mit Bad in verfallenden Häusern.

Das Meer: Die Stadt an der Lagune beging den Fehler vieler Hafenstädte und baggerte die Einfahrt (am Lido) zu tief aus. Immer größere Schiffe konnten zu der Piazzale roma fahren. Dadurch wurde der Druck des Meeres auf die Fundamente der Häuser stärker, der Grund wurde weggeschwemmt. Die Planung sieht einen neuen Hafen südlich des Lido vor mit einer künstlichen Insel, von der aus eine Pipeline direkt ins Industriezentrum Mageira auf dem Festland führt. Den Druck der Gezeiten soll ein dem bisherigen Hafen vorgelagerter Deich mildern.

Ein Vorschlag, der die Aushöhlung aufhalten soll: den Fluß Brenta, der noch vor 350 Jahren in die Lagune mündete und der damals umgeleitet wurde, weil er zu viel Sand mit sich führte, aus eben diesem Grund wieder in die ausgehöhlten Kanäle zurückzuleiten. Das würde eine Auffüllung mit Sand vom Festland her bedeuten.

Trotzdem besteht – auch nach dem Zurückdrängen des Meeres – die Aufgabe, die Fundamente zu erneuern. Haus für Haus. Es ist inzwischen allgemein bekanntgeworden, daß der für eine Wasserstadt natürliche Verfall durch die zunehmende Motorisierung ungemein beschleunigt wurde: Motorbootwellen attackieren die Mauern.