Washington, im Juli

Vor der Wiederaufnahme der Genfer Abrüstungs- und Versuchs-Verzichtsverhandlungen hat zwischen Washington und Moskau der bereits zum Ritual erhobene Austausch von Bezichtigungen stattgefunden. Er wurde verbunden mit dem (ebenso dazugehörigen) salbungsvollen Appell an die weitere Zuhörerschaft in der Welt zu wirksamen Abrüstungsbeschlüssen.

Chruschtschow schwärzte die USA nach ihrem erfolgreichen Höhenversuch mit einer Wasserstoffbombe von zwei Megaton Explosionsenergie als „Rüstungswettläufer“ an und gab zu verstehen, daß die Sowjetunion ihrerseits wieder Atomversuche durchführen werde und sich jedenfalls das Recht vorbehalte, auf jeden westlichen Test einen östlichen „draufzusetzen“. Das State Department nannte Chruschtschows Rede eine Heuchelei, da die Sowjetunion als erste im vorigen Herbst das Versuchsmoratorium gebrochen und mehrere Höhenversuche großen Kalibers unternommen habe.

Der sowjetische Regierungschef erklärte sich wieder zur Totalabrüstung ohne Kontrolle bereit, und Präsident Kennedy gab dem amerikanischen Chefunterhändler in Genf, Dean diese Botschaft mit auf den Weg: Wenn ein Anfang zur Beendigung des Rüstungswettlaufes gemacht werde, wäre das ein geschichtlicher Markstein; jedoch gehe das nicht ohne ein „Minimum von Inspektion“.

Worte und Erklärungen dieser Art sind zu oft abgegeben worden, als daß sie noch sonderlich beachtet würden. Sie gehören sozusagen zum Konferenz-Kehricht und werden von niemanden sehr ernst genommen, vor allem von denen nicht, die sie aussprechen. Dennoch haben sich seit der sowjetischen Versuchsserie des vorigen Herbstes und der amerikanischen in diesem Jahr wieder einige Positionsverschiebungen zwischen den beiden großen Atommächten ergeben, die sich sowohl auf ihr rüstungstechnisches Gleichgewicht als auch auf die Ausgangslage ihrer in Genf wieder aufgenommenen Verhandlungen auswirken.

Den Russen ist es nach den Analysen der amerikanischen und britischen Wissenschaftler im vorigen Herbst gelungen, auf zwei Teilgebieten der Kernwaffentechnik den bis dahin bestehenden Vorsprung der USA auszugleichen – wenn nicht zu überholen. Sie haben Wasserstoffsprengsätze entwickelt, die bei geringerem Gewicht größere Wirkung erzielen. Das bedeutet, daß sie den Effekt ihrer Fernwaffen beträchtlich gesteigert haben. Sie haben wahrscheinlich auch bemerkenswerte Fortschritte in der Verwendung von Atomraketen als Antiraketen erzielt. Das ist für die USA besonders bedenklich, da eine Macht, die als erste auf diesem Gebiet einen technologischen Durchbruch erzielt, mindestens vorübergehend dominieren, den Gegner ausschalten und ihm schon mit dieser Drohung allein ihren Willen aufzwingen könnte.

Hingegen ist es den Sowjets offenbar nicht gelungen, den amerikanischen Vorsprung auf dem Gebiet der kleinen Feldatomwaffen einzuholen, in jenem Sektor also, der die militärische Verwendung der Kernwaffe erweitert. Unter dem Gesichtspunkt der Kräftebalance sind daher sowohl die sowjetischen wie die amerikanischen Versuche für jede der beiden Mächte voll gerechtfertigt, und in den gegenseitigen Beschuldigungen klingt nur der Brustton der Überzeugung an, nicht die Überzeugung selbst.