Von Walter Abendroth.

Also, das mit den „falschen Karten“ ist ein gefährliches Wort: Falsche Karten im Spiel setzen Mogelei voraus; aber unser Streitgespräch glänzt doch gerade durch schöne Offenheit! Sprechen wir darum lieber von Mißverständnissen, denn die können auch ungewollt sein. Da möchte ich gleich sagen, daß es mir als ein Mißverständnis der Streitfrage dieserDiskussion erscheint,wenn alsArgumente für oder gegen ein kunsthandwerkliches Verfahren immer wieder werbende Persönlichkeitsbilder ins Spiel gezogen werden. Schönbergs, Weberns, Bergs sympathische Charaktereigenschaften und Weberns tragischer Tod werden gewiß manchen Leser geneigt machen, zu meinen, daß der sachliche Gegner solcher Menschen doch wohl nicht Recht haben könne. Aber geht dieses Streitgespräch um den guten Menschen oder um die bessere Musik?

Zweites Mißverständnis: Mein Satz, es gebe keine Alternative „Dodekaphonie oder Reaktion“, wollte besagen, daß, was nicht Dodekaphonie ist, deswegen noch lange nicht Reaktion sei. Wenn nun aber aus meinem Satz herausgelesen wird, ich hätte meinem Kontrahenten eine „Nieder-mit-der-Reaktion“-Gesinnung unterschieben wollen, so identifiziert man doch gerade wiederum Nicht-Dodekaphonie mit Reaktion, bejaht also jene Alternative „als solche“. Oh, wie schwer ist doch bisweilen Verständigung, selbst unter alten Freunden! Wer versteht noch das bloße, klare Wort des anderen! Um wieviel schwieriger das richtige Verstehen, wenn es um Musik geht!

Damit sind wir bei der entscheidenden Frage; der Frage der Verständlichkeit der Zwölftonmusik für den normalen Musikverständigen. Wie kommt es, daß diese Musik, obwohl seit einem halben Jahrhundert angeboten und seit langem von einer einseitigen Publizistik heftigst angepriesen, in den rund fünfzig Jahren weder die Mehrzahl der Fachleute noch das musikbedürftige große Publikum überzeugen konnte? Die Gründe lassen sich wohl darlegen. Ich hoffe, dafür etwas später noch einmal den nötigen Raum zu bekommen. Für jetzt nur zur kurzen Belichtung der Frage ein Zitat:

„Die absolute Musik der Gegenwart wendet sich, im Gegensatz zur romantischen Musik, nicht mehr an Gleichempfindende, sondern nur noch an Gleichgebildete. Sie ist zu einem Spiel geworden, das für jene interessant ist, die die Spielregeln kennen. Sie hat weder die Fähigkeit noch Tendenz, sich an eine unvoreingenommene Gemeinschaft zu wenden, kann sogar existieren, ohne daß es Spielteilnehmer gibt, d. h., ohne daß die Spielregeln verraten und Gleichorientierte zu der Exekution eingeladen werden. Sie wird in konsequenter Entwicklung zur Selbstbefriedigung eines Mannes, der in seiner Kammer sitzt und Gesetze erfindet, nach welchen er hernach Figuren legt. Bei der Übertragung dieser Figuren durch Musikinstrumente in hörbare Substanz geht nichts von dieser Gesetzmäßigkeit unmittelbar auf den Hörer über, wenn er nicht aufs genaueste vorbereitet ist. Im Grunde erübrigt sich das Hören überhaupt, und am ehesten wirkt das Künstlerische dieser Arbeiten auf jenen, der sie nach Kenntnisnahme der jeweiligen Regel gewissenhaft durchliest.“

Der Autor dieses Zitats, Ernst Krenek, ist hier, als noch junger „Neutöner“ der zwanziger Jahre, in Müller-Mareins „fremdes Dorf“ gekommen. Es ist vielen, nein, den meisten und auch den nicht schlechtesten Musikern fremd, weil es ja auch (ich muß mich wiederholen) nicht aus Erwägungen musikalischer Notwendigkeit, sondern aus ideologischen Grübeleien hervorgegangen ist und diese Herkunft niemals verleugnen kann.

Was nun die „Zeitinhalte“ betrifft, die nach Müller-Marein den heutigen Zeitstil bilden, so stimme ich mit der Aufzählung seiner Faktoren völlig überein. Mein Gesprächsgegner hat hier, im Gegensatz zu mir, die positiven Werte benannt, die aus der Zeit auf die Kunst einwirken, und es ist natürlich rechtens, daß er dies tat. Freilich ändert sich unter diesen Vorzeichen der Aspekt der „Zeitgemäßheit“, und ich gebe, so betrachtet, der Dodekaphonie keineswegs den Vorzug. Vielmehr meine ich: Die von Müller-Marein genannten Eigenschaften wohnen der modernen Musik aller Richtungen inne, allein bei den Nicht-Zwölftönern ohne krampfhafte Absichtlichkeit, dafür aber mit elementarerer Schöpferkraft gepaart als im anderen Lager. Mit einer Einschränkung: Der Gott ist bei den Nicht-Zwölftönern (bitte: natürlich immer vergleichbarer Größenordnung!) nicht zum nebulosen Abstraktum geworden, sondern als creator spiritus lebendig, konkret und begreifbar geblieben. Womit ich endlich auch beim „Ja oder Nein“ gelandet bin. Ich glaubte, die diesbezügliche Gretchenfrage ziemlich klar beantwortet zu haben. Da aber immer „Jein“ verstanden wird, komme ich hier noch deutlicher – im Bewußtsein, mich unverzeihlicher Gptterlästerung schuldig zu machen und den im vorigen Beitrag erwähnten stillschweigenden Sanktionen nunmehr endgültig anheimzufallen. Aber wenn es denn schon gesagt sein soll: Ich halte Schönberg, Webern, Berg und einige andere für begabte Musiker; jedoch unter Vorbehalt der Tatsache, daß Berg zu früh starb, erscheinen mir Gestalten wie Bartók, Honegger, Strawinskij vor seiner Konversion, Milhaud, Hindemith, Britten, Martin ungleich bedeutender. (Parenthese zu Fortners „Weltstil“-Proklamation: Gerade dieser These wurde damals mit gewichtigen Argumenten widersprochen in der Erwiderung eines jungen amerikanischen Dirigenten und Komponisten, die wegen Abschluß der Diskussion nicht mehr erscheinen konnte.) Es ist heraus, das klare Ja und Nein; ich kann nicht anders. Andere können immer auch anders, je nach dem Wechsel der Windrichtung. (Dies ist weniger eine Abweichung vom Thema, als mancher Leser glauben mag.)