Deutsche Staatssymbole
Fahnen, Farben, Hymnen ihr Wandel in den Jahrhunderten (Schluß) Von Theodor Eschenburg
Im Jahre 1930 stritten vier Fahnen um den Rang der Nationalfahne: Neben Schwarz Rot- Gold und Schwarz Weiß Rot die Hakenkreuzfahne der Nationalsozialisten und die kommunistische rote Fahne mit Hammer und Sichel. In dieser bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzung siegte das Hakenkreuz — dank der Hilfe von Schwarz Weiß Rot. Hitler holte die schwarzweißrote Trikolore herunter und degradierte Adler und Eisernes Kreuz in seinen Flaggen und Wappen zu ornamentalen Nebenfiguren unter dem alles beherrschenden traditionslosen Zeichen des Hakenkreuzes.
Nach dem totalen Zusammenbruch und der Kapitulation hatte das in Besatzungszonen aufgeteilte Deutschland keine Flagge mehr. Durch Kontrollratsgesetz wurde als Erkennungszeichen für die deutschen Schiffe die Signalflagge C mit den Farben Blau Weiß Rot Weiß Blau eingeführt. Diese Flagge, die dem internationalen Signalflaggenkatalog entnommen war, symbolisierte den damaligen deutschen Staatszustand.
Einige deutsche Länder verhalfen dann SchwarzRot Gold wieder zur Geltung, indem sie diese Farben als ihre Landesfarben gesetzlich festlegten. Im Parlamentarischen Rat bestand über die Wiedereinführung dieser Farben Einmütigkeit; nur über ihre Anordnung gab es Meinungsverschiedenheiten. Die Freien Demokraten und die Sozialdemokraten verlangten die schwarzrotgoldene Trikolore als Bundesfarben. Teile der CDU setzten sich für eine Bundesflagge ein, die auf rotem Grund ein schwarzes, liegendes Kreuz, auf dieses aufgelegt ein goldenes Kreuz zeigen sollte Über diese Frage aber wurde nicht hart gestritten. Man einigte sich schnell auf die Wiedereinführung der alten Farben von Frankfurt und Weimar.
Bis 1958 war die Handels- und Nationalflagge der DDR die gleiche wie in der Bundesrepublik. Seitdem trägt sie in der Mitte das Staatswappen mit Hammer und Zirkel; damit gibt die SBZ Verwaltung ihrer Vorstellung von zwei deutschen Staaten auch symbolisch Ausdruck.
Auf Vorschlag der Bundesregierung wurde durch Anordnung des Bundespräsidenten 1950 die Standarte des Reichspräsidenten — der schwarze Adler auf gelbem Feld mit rotem Rand — für den Bundespräsidenten, die Dienstflagge der Reichsbehörden — die schwarzrotgoldene Flagge mit dem Adlerschild — für die Bundesbehörden und die Postflagge übernommen. Eine Bundeskriegsflagge wurde nach Einführung der Wehrpflicht nicht wieder geschaffen; die Dienstflagge ist nach dem Vorbild einer Reihe von Ländern auch die Flagge der Streitkräfte. Lediglich für die Seestreitkräfte ist — um sie von den Handelsschiffen zu unterscheiden — die Buadesdienstflagge in der Form eines Doppelstanders bestimmt. Die Flagge ist an der Außenseite, ebenso wie die alte preußische Dienstflagge und wie die Marineflagge einiger fremder Staaten, gezackt.
Heute sind die Farben Schwarz Rot Gold die unumstrittenen Farben der Bundesrepublik. Nach grauenvollen Katastrophen ist endlich der Flaggenfriede eingetreten.
Weniger umstritten als die Farben SchwarzRot Gold war die Nationalhymne in der Weimarer Zeit. Auf der Verfassungsfeier am 11. August 1922 hatte Reichspräsident Friedrich Ebert „Deutschland, Deutschland über alles" zur Nationalhymne proklamiert.
Bis 1918 war die offizielle deutsche Nationalhymne „Heil dir im Siegerkranz" gewesen. Sie war im Grunde nichts anderes als eine Umwandlung der englischen Nationalhymne „God save the King", die in der Mitte des 18. Jahrhunderts entstand, und wurde nach der gleichen Melodie gesungen. Diese Melodie breitete sich sehr schnell auf dem Kontinent aus. 1790 verfaßte ein Theologiestudent in Flensburg darauf ein Lied zum Geburtstag des dänischen Königs: „Heil Dir, dem liebenden Herrscher des Vaterlandes, Heil Christian Dir". Dieser Text erschien 1793 mit einer leicht veränderten, den preußischen Verhältnissen angepaßten Fassung in einer Berliner Zeitung „Heil Dir im Siegerkranz, Herrscher des Vaterlands". Das Lied wurde 1795 bei Aufführung eines patriotischen Schausoiels im preußischen Nationaltheater als Zwischenaktmusik gespielt und vom Publikum begeistert aufgenommen. Als König Friedrich Wilhelm II das Theater besuchte, um sich das Schauspiel anzusehen, wurde er vom Publikum enthusiastisch mit diesem Lied empfangen. Eine Reihe von deutschen Staaten übernahm sehr bald als Herrscherhymne diesen Text oder den von „God save the King", jeweils in etwas veränderter Fassung, aber stetsmit der gleichen Melodie, Drei Jahre vorher — 1792 — war in Straßburg die Marseillaise entstanden, die dann 1795 zur französischen Nationalhymne erklärt wurde. Gleichsam eine Gegenhymne der Marseillaise war das österreichische Lied „Gott erbalte Franz den Kaiser" mit der Melodie aus Haydns Kaiserquartett. Die Anregung zu diesem Text soll auch von Haydn ausgegangen sein. Er hatte in England gerade vorher mit Begeisterung „God save the King" gehört und wollte für sein bedrängtes Vaterland ein ähnliches Lied schaffen, um die bedrückten Gemüter zu heben. Das Lied wurde 1797 bei einer Theateraufführung an Kaisers Geburtstag zum erstenmal gesungen und gewann in der habsburgischen Monarchie rasch an Popularität. Die Volkstümlichkeit des Liedesnoch mehr der Melodie, war so groß, daß sie für eine Reihe von anderen Texten auch in Anspruch genommen wurde.
„Heil Dir im Siegerkranz" wurde zur offiziellen deutschen Nationalhymne im Kaiserreich, wurde jedoch nur bei offiziellen Gelegenheiten gesungen. Eine Volkshymne ist das Lied nie gewesen. Bis 187678 galt den Vorkämpfern und Anhängern der staatlichen Einigung Ernst Moritz Arndts 1813 verfaßtes Lied „Was ist des Deutschen Vaterland" am ehesten als Hymne. Diese Frage freilich erschien vielen nach der Reichsgründung als überholt. Hoffmann von Fallerslebens „Deutschland, Deutschland über alles" wurde danach zu einem der meistgesungenen Lieder.
Das „Deutschlandlied" ist im August 1841 auf Helgoland entstanden. Hoffmann von Fallersleben, Professor für Germanistik an der Universität Breslau, Großdeutscher und Demokrat, aus Hannover und Preußen ausgewiesen, hatte im August einige Tage auf dem damals noch englischen Helgoland mit gleichgesinnten Hannoveranern zugebracht. Bei Mittag- und Abendessen wurden munter in schwarzrotgoldenem Geist Lieder gesungen und Trinksprüche gehalten. Am 23. August reisten die Hannoveraner ab. Hoffmann von Fallersleben blieb allein zurück.
„Den ersten Augenblick", so schreibt er in seinen Erinnerungen, „schien Helgoland wie ausgestorben, ich fühlte mich sehr verwaist. Und doch tat mir bald die Einsamkeit sehr wohl; ich freute mich, daß ich nach den unruhigen Tagen wieder einmal auch mir gehören durfte. Wenn ich dann so wandelte einsam auf der Klippe, nichts als Meer um mich sah, da ward mir so eigen zu Mute, ich mußte dichten, und wenn ich auch nicht gewollt hätte So entstand am 26. August das Lied „Deutschland, Deutschland über alles". Der Dichter hatte, wie er selbst sagt, bei der Abfassung des Gedichtes die Haydnsche, Melodie im Ohr gehabt. Der Verleger Campe in Hamburg veröffentlichte das Lied wenige Tage nach dem 26. August mit den Noten der Haydnschen Melodie. Dennoch hat es bis 1872 dann 58 verschiedene Vertonungen erfahren.
Hoffmann von Fallersieben war ein sehr guter Kenner der Lieder Walthers von der Vogelweide, des ältesten deutschen Dichters vaterländischer Lieder; die meisten" dieser Lieder konnte er aus dem Kopf hersagen. In dem Gedieht Walthers „Ihr sult sprechen, willkommen" beginnt die dritte Strophe mit den Worten ; „Ich han lande viel gesehen unde nam der besten gerne war" und schließt: „tiuschin (deutsche) zuht gat vor in allen"; nach einer anderen Version: tiuschin Zuht gefallet mir vor allem.
In der vierten Strophe heißt es: Von der Elbe an den Rhin und her wider unz cm Ungerland mugen wol die besten sin die ich in der werlte han erkannt.
Die Verse „Deutschland, Deutschland über alles". „Von der Maas bis an die Memel, von der Etsch bis an den Belt" klingen an die Wakhers von der Vogelweide an.
Hoffmann von Fallersleben hätte ebensogut „Deutschland, Deutschland über allem" sagen können, ohne deswegen in Reimnöte zu geraten. Wenn er indessen statt des Dativs den Akkusativ gewählt hat, so, weil „über alles" „mehr als alles" bedeutet: Der Dichter setzte in seiner Wertvorstellung Deutschland über alles, er meint nicht, daß Deutschland über allem steht. Seine — des Dichters — Beziehung zu Deutschland kommt hier zum Ausdruck, nicht die Deutschlands zur Welt. Nationalistische Vorstellungen lagen ihm fern. Was er sagen wollte, war: Deutschland ist für mich mehr als alles andere in der Welt, was auch Walther von der Vogel weide ausgesprochen hat: Deutsches Volk gefällt mir vor allem. Es ist ein Lied der patriotischen Sehnsucht und Innigkeit. Die Worte „Schutz und Trutz", deren Voraussetzung das brüderliche Zusammenhalten ist, sind rein defensiv gemeint. Auch für diese Verse („wenn es stets zum Schutz und Trutz brüderlich zusammenhält") mag Hoffmann bei Walther von der Vogelweide eine Anregung gefunden haben. In einem 1212 dem Kaiser Otto IV gewidmeten Gedicht heißt es: „Herr Kaiser, wenn Ihr den Deutschen mit strengem Gericht Frieden geschaffen habt, so werden euch auch die fremden Völker anerkennen. Diese Anerkennung fällt Euch ohne Anstrengung zu.
Hoffmann von Fallersleben nimmt diesen Gedanken auf, aber ohne dessen mittelalterlich imperialen Sinngehalt. 1840 bestand die Gefahr eines europäischen Krieges. Die Sorge, die Franzosen könnten bei irgendeiner Gelegenheit bis zum Rhein und darüber hinaus vorstoßen, war zu jener Zeit durchaus vorhanden. Max Schneckenburger hatte gerade die „Wadit am Rhein" gedichtet und damit sofort starken Anklang gefunden. Die Herzogtümer Schleswig und Holstein, die beide zum Norddeutschen Bund gehörten, waren von dänischer Seite gefährdet. Nur eine staatliche Einigung konnte Schutz vor territorialen Verlusten bieten.
Man hat sich auch an den geographischen Bezeichnungen in diesem Lied gestoßen. Memel war die deutsche Bezeichnung für den Teil des Niemen, der bis 1918 auf preußisch deutschem Gebiet lag. Die Etsch ist der Hauptfluß Südtirols, das damals — bis 1919 — ebenfalls zu Österreich gehörte. Die Meerenge des Kleinen Belt war die natürliche Grenze des nördlichen, erst seit 1918 dänischen Teils Schleswigs nach Osten; die nördliche Grenze, auf die es angekommen wäre, bildete ein Fluß mit dem dreisilbigen Namen Königsau, der aus Gründen des Reimes und des Rhythmus in diesem Lied nicht verwandt werden konnte. Als gewagt mochte es freilich erscheinen, daß die Maas zur Markierung der Westgrenze genannt wurde, da sie nur auf einer relativ kurzen Strecke auf holländischem Gebiet in der Nähe der deutschen Grenze fließt. Jedoch handelt es sich bei dem Lied nicht um eine exakte Grenzbeschreibung; in dichterischer Freiheit sollte vielmehr durch in der Volksvorstellung bekannte Markierungslinien das Gebiet der ersehnten staatlichen Einigung umrissen werden.
Man hat sich über die Landkarte Hoffmann von Fallerslebens im Ausland bis 1919 auch kaum aufgeregt, wohl aber über die Worte „Deutschland über alles". Sie wurden vielfach mißverstanden im Sinne des Anspruchs Deutschlands auf die Herrschaft über die ganze Welt. 1867 zitierte ein Deputierter im französischen Parlament diese Verse und fügte hinzu, eine Nation, die solch ein Lied singen könne, zeige einen Mangel an Bescheidenheit. 1915, im Ersten Weltkrieg, gab der bedeutende Soziologe Emil Durkheim eine Schrift heraus mit dem Titel „UAllemagne au dessus de tout, la mentalite allemande et la guerre". Die französische Sprache kennt in der Ortsbestimmung nicht die Unterscheidung zwischen Ruhe und Bewegung, zwischen „wo" und „wohin" „Au dessus de tout" kann also sowohl statisch wie auch dynamisch verstanden werden, also in diesem Fall „über alles" und ebenso „über allem" bedeuten. Auch in England (Bernard Shaw 1914) und Italien hat dieser erste Vers eine polemische Literatur hervorgerufen.
An dieser Fehlinterpretation waren die Deutschen aber — vor allem nach 1890 — nicht ganz unschuldig. Die Alldeutschen, eine nationalistische Bewegung, die 1891 entstanden war, im Ersten Weltkrieg umfangreiche Annexionen gefordert und auch noch in der Weimarer Zeit mit Entschiedenheit den deutschen Weltmachtanspruch vertreten hatte, sangen diese Verse ganz bewußt im Sinne der falschen Auslegung. Für die Vertreter eines deutschen Imperialismus reichte die „Wacht am Rhein" als Kampflied nicht mehr aus; das Deutschlandlied wurde zu einer Art Gegenlied zu der 1740 entstandenen englischen Weltmachtshymne „Rulc Britannia, rule the waves". Unter denjenigen, die im Kaiserreich oder in der Weimarer Republik zur Schule gegangen sind, wird es manche geben, die die sinnentstellende Interpretation gelernt haben.
Reichspräsident Friedrich Ebert hat dann in seiner Kundgebung vom 11. August 1922, die betont den Anfangsvers der dritten Strophe „Einigkeit und Recht und Freiheit" herausstellte, vom Deutschlandlied gesagt: „Es soll auch nicht dienen als Ausdruck nationalistischer Überhebung. Aber so, wie einst der Dichter, so lieben wir heute Deutschland über alles " Es war schwer, in einer Zeit, da der Flaggenstreit heftig entbrannt war, ein Lied zu finden, das weithin auch als Nationalhymne empfunden werden konnte. Nun war „Deutschland, Deutschland über alles" schon im Kaiserreich eines der meistgesungenen Lieder gewesen. Im November 1914 hatte es dann seine nationale Weihe erfahren: als bei Langemarck in Flandern Regimenter junger Kriegsfreiwilliger die englischen Linien durchbrachen, das Deutschlandlied auf den Lippen, und sehr schwere Verluste erlitten. Diese Meldung des Heeresberichts war auch nach Kriegsende nicht vergessen worden — wenn auch der weniger pathetische Anlaß für den Gesang des Liedes in Vergessenheit geraten war. Der Nebel auf dem Schlachtfeld war nämlich so dicht gewesen, daß man Freund und Feind nicht unterscheiden konnte; blitzschnell mußten die Deutschen sich über ein akustisches Erkennungszeichen verständigen. Da die deutsche Nationalhymne „Heil Dir im Siegerkranz" und das englische „God save the King" die gleiche Melodie hatten, wählten die Freiwilligen das Deutschlandlied. Mögen auch im Unterbewußtsein noch andere Motive mitgesprochen haben, das Interesse an der akustischen Unterscheidung war im Augenblick maßgebend. Aber die ohnehin beliebte Volkshymne erhielt so den Glanz des besonderen völkischen Pathos. Das Deutschlandlied war in der Weimarer Zeit das einzige unumstrittene Reichssymbol. Gewiß wurde das Lied auf der Rechten durch nationalistische und antidemokratische Gesänge zurückgedrängt und in radikalen Bereichen der Linken nicht gesungen, doch wurde es respektiert, zumindest nicht beschimpft oder verhöhnt. Der Schmerz über die durch den Versailler Vertrag abgetrennten Gebiete und die Hoffnung auf deren Rückerwerb (mit Ausnahme Elsaß Lothringens und Nordschleswigs, das auf Grund einer Volksabstimmung an Dänemark abgetreten worden war) war einmütig. Diese Gefühle, ließen in Deutschland die Flußnamen von Memel (das Memelland wurde 1919 an die Alliierten abgetreten und 1929 von Litauen annektiert) und Etsch (das österreichische Südtirol wurde 1919 an Italien abgetreten) anklingen. Aber vielleicht war das Lied auch wegen der Möglichkeit der doppelten Sinndeutung unumstritten; jeder konnte es auf seine Weise auslegen. Weil aber das Deutschlandlied weithin respektiert wurde, hat es Hitler wohl nicht gewagt, es ganz abzusetzen: Es wurde zur zweiten Nationalhymne neben dem „dichterisch und musikalisch minderwertigen Hont Wessel Lied, dessen banale Melodie den Marschtakt in ein Volksverderben gab" (Heuss). Im übrigen sollte es nunmehr eindeutig im Hitlerschen Sinne den deutschen Weltmachtsanspruch zum Ausdruck bringen. Für viele blieb es dennoch im Sinne des Dichters als letztes traditionelles Symbol eines innigen Patriotismus, ein erlaubter Kampfgesang gegen die imperialistische Diktatur des Nationalsozialismus. Durch den nationalen Zusammenbruch von 1945 verlor Deutschland auch diese Nationalhymne. Jetzt war es allerdings viel schwieriger als 1922, ein Lied zu finden, dessen Text nicht der Mißdeutung ausgesetzt war und doch als Symbol Anerkennung fand. Mit Phantasie, Unisicht und Behutsamkeit versuchte Theodor Heuss einem von Rudolf Alexander Schröder verfaßten und als Nationalhymne gedachten Lied den Weg zu bereiten. Heass glaubte damals, „daß der tiefe Einschnitt", wie er selbst 1952 schrieb, „in unserer Volks- und Staatengeschichte einer neuen Symbolgebung bedürftig sei " „Ich weiß heute, daß ich mich täuschte Diese Worte finden sich in Heuss 5 Antwort vom 2. Mai 1952 auf das Schreiben Adenauers vom 29. April, in dem erneut die Bitte der Bundesregierung ausgesprochen war, das Hoffmann Haydrasche Lied als Nationalhymne anzuerkennen. Bei staatlichen Veranstaltungen soll die dritte Strophe gesungen werden Heuss entsprach dem Wunsch der Bundesregierung, gegen den er sich zunächst gewehrt hatte — wie er sagte: „in der Anerkennung des Tatbestandes " . Seit diesem Briefwechsel zwischen Bundespräsident und Bundeskanzler ist das Deutschlandlied als ganzes Bundeshymne Üblicherweise wird aber bei den meisten Veranstaltungen nur eine Strophe der Nationalhymne gesungen, und das soll bei offiziellen —nur für sie kann die Regierung Vorschriften erlassen — die dritte Strophe sein. Diese dritte Strophe war faktisch im Dritten Reich verpönt. Kein anderes Lied vermag treffender und eindringlicher Lage und Sehnsucht unseres Staates und Volkes auszudrücken als gerade diese Strophe.
Sie bietet zudem keinen Anlaß zur Mißdeutung, zu Streit und Ärger mit fremden Staaten:- sie ist ein Ausdruck des nationalen Friedens und kann von jedermann ohne Unbehagen und Bedenken gesungen werden. Die Bundesregierung hätte in edelster Absicht jedenfalls das Deutschlandlied diskriminiert, wenn sie nur die dritte Strophe als Nationalhymne proklamiert hätte. Aber mit ihrer Vorschrift für die staatlichen Veranstaltungen appelliert sie an den politischen Takt und die Disziplin der Bürger.
Die Nationalhymne in der SBZ, von Johannes R. Becher 1942 verfaßt, beginnt mit den Worten „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt, Deutschland einig Vaterland". Im zweiten Vers heißt es „Wenn wir brüderlich uns einen, schlagen wir des Volkes Feinde. So hat die SBZ dafür gesorgt, daß ihre Symbole, mit denen der Bundesrepublik nicht verwechselt werden können. Hatte die Bundesrepublik ein altes Symbol neu eingeführt, so folgte ihr die SBZ mit einem entsprechenden Gegensymbol, um auch auf diese Weise die von ihr gewollte staatliche Trennung zu manifestieren.
Die Symbole der Bundesrepublik sind repräsentative Zeichen deutscher Geschichte. Jedes dieser Zeichen hat durch Umstände oder Ereignisse als Symbol breite Anerkennung gefunden. Zwar vermögen Symbole allein weder Nationalgefühl noch Staatsbewußtsein zu wecken; auch die propagandistische Mobilisierung der Symbole vermag in demokratischen Ländern in diesem Sinne nicht viel auszurichten. Wo aber irrationale Beziehungen sich neu bilden, können aus diesen Beziehungen erwachsene Sinnbilder deren Intensität steigern und sie so veranschaulichen, daß sie haltungsformend und gesinnungsbildend wirken. Die leidenschaftliche Hingabe an Symbole, deren Kehrseite die fanatische Gegnerschaft gegen bestimmte Symbole ist, liegt unserer Zeit nicht mehr. Und doch kann sie ihrer nicht entbehren. Die Symbol Indolenz tritt zwar in der Bundesrepublik besonders stark in Erscheinung, zeigt sich aber auch in vielen anderen westlichen Staaten; im übrigen ist sie nichts anderes als ein Ausdruck für mangelndes Staatsbewußtsein und Nationalgefühl. Daß die ältere deutsche Generation bei dem Wechsel an Symbolen, den sie erlebt hat, eine gewisse Symbolscheu und Skepsis hat, ist nicht verwunderlich. Ebenso ist die Symbolskepsis der Jugend aus ihrer tiefen Abneigung gegen politische Propaganda verständlich. Je längere Dauer jedoch unseren Symbolen beschieden ist, je mehr sie innerstaatliches Friedenszeichen bleiben, desto stärker wird auch ihre Wirkungskraft werden. Unserer Zeit fehlt aber auch die schöpferische Begabung für neue Symbole. Wir haben kein Berlinlied und kein Wiedervereinigungslied. Hierfür scheinen gegenwärtig die musikalischen und dichterischen Voraussetzungen zu fehlen. Auch die abstrakte bildende Kunst vermag wahrscheinlich keine Symbole, keine konkreten Sinnbilder für ebenfalls abstrakte Ideen hervorzubringen. Gerade deswegen sollten wir mit unseren alten neuen Symbolen behutsam verfahren und zu erfassen suchen, warum sie gelten und wie sie zu dem geworden sind, was sie heute bedeuten sollen.
- Datum 03.08.1962 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 3.8.1962 Nr. 31
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