Deutsche StaatssymboleSeite 4/4
Die Nationalhymne in der SBZ, von Johannes R. Becher 1942 verfaßt, beginnt mit den Worten „Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt, Deutschland einig Vaterland". Im zweiten Vers heißt es „Wenn wir brüderlich uns einen, schlagen wir des Volkes Feinde. So hat die SBZ dafür gesorgt, daß ihre Symbole, mit denen der Bundesrepublik nicht verwechselt werden können. Hatte die Bundesrepublik ein altes Symbol neu eingeführt, so folgte ihr die SBZ mit einem entsprechenden Gegensymbol, um auch auf diese Weise die von ihr gewollte staatliche Trennung zu manifestieren.
Die Symbole der Bundesrepublik sind repräsentative Zeichen deutscher Geschichte. Jedes dieser Zeichen hat durch Umstände oder Ereignisse als Symbol breite Anerkennung gefunden. Zwar vermögen Symbole allein weder Nationalgefühl noch Staatsbewußtsein zu wecken; auch die propagandistische Mobilisierung der Symbole vermag in demokratischen Ländern in diesem Sinne nicht viel auszurichten. Wo aber irrationale Beziehungen sich neu bilden, können aus diesen Beziehungen erwachsene Sinnbilder deren Intensität steigern und sie so veranschaulichen, daß sie haltungsformend und gesinnungsbildend wirken. Die leidenschaftliche Hingabe an Symbole, deren Kehrseite die fanatische Gegnerschaft gegen bestimmte Symbole ist, liegt unserer Zeit nicht mehr. Und doch kann sie ihrer nicht entbehren. Die Symbol Indolenz tritt zwar in der Bundesrepublik besonders stark in Erscheinung, zeigt sich aber auch in vielen anderen westlichen Staaten; im übrigen ist sie nichts anderes als ein Ausdruck für mangelndes Staatsbewußtsein und Nationalgefühl. Daß die ältere deutsche Generation bei dem Wechsel an Symbolen, den sie erlebt hat, eine gewisse Symbolscheu und Skepsis hat, ist nicht verwunderlich. Ebenso ist die Symbolskepsis der Jugend aus ihrer tiefen Abneigung gegen politische Propaganda verständlich. Je längere Dauer jedoch unseren Symbolen beschieden ist, je mehr sie innerstaatliches Friedenszeichen bleiben, desto stärker wird auch ihre Wirkungskraft werden. Unserer Zeit fehlt aber auch die schöpferische Begabung für neue Symbole. Wir haben kein Berlinlied und kein Wiedervereinigungslied. Hierfür scheinen gegenwärtig die musikalischen und dichterischen Voraussetzungen zu fehlen. Auch die abstrakte bildende Kunst vermag wahrscheinlich keine Symbole, keine konkreten Sinnbilder für ebenfalls abstrakte Ideen hervorzubringen. Gerade deswegen sollten wir mit unseren alten neuen Symbolen behutsam verfahren und zu erfassen suchen, warum sie gelten und wie sie zu dem geworden sind, was sie heute bedeuten sollen.
- Datum 03.08.1962 - 07:00 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 3.8.1962 Nr. 31
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