SowjetzoneJenseits der Mauer

„Wir leben unter keiner Diktatur, wir leben im Konzentrationslager!“ – Bericht von drüben

Die Schlangen geduldig wartender Menschen vor den Geschäften in der Sowjetzone legen beredtes Zeugnis davon ab, wie knapp die Dinge des täglichen Bedarfs neuerlich geworden sind. Aber sie beweisen auch, daß der Markt immer wieder einmal Produkte von ostzonalem Seltenheitswert ausschüttet. „Was da ist, muß eben sofort gekauft werden“, erfährt der westdeutsche Besucher, der in der Wohnung von Freunden beinahe einen Turmbau von Toilettenpapier zum Einsturz gebracht hat. „Davon gibt es ja genug seit der letzten Ruhr-Epidemie, doch wer weiß, wie lange“, fügen die Freunde entschuldigend hinzu ...

Aber der Wohnungsbau macht doch gute Fortschritte, versucht der Gast aus Westdeutschland vorsichtig von den Engpässen der Versorgung abzulenken. „Ja, während die Altbauten verkommen! Wer aber eine neue Wohnung haben will, wird erst einmal sehr genau auf seine gesellschaftliche Zuverlässigkeit’ untersucht, auf seinen praktischen Nutzwert für den Staat. Wenn er diese Prüfung bestanden hat, muß er zunächst viele hundert sogenannte ‚Aufbaustunden‘ leisten; dann erst wird er auf der Liste vorgemerkt – was im allgemeinen weitere zwei bis drei Jahre Wartezeit bedeutet. Umgekehrt wird jedoch etwa der Bau von Kindergärten ohne Umstände aus den ,freiwilligen‘ Leistungen der Bevölkerung bestritten. Es heißt einfach: Aufbaustunden oder Geldspende. So gibt man denn eben. Bloß muß man aufpassen, daß man nicht zuviel gibt, damit man nicht etwa als Vorbild sozialistischer Gesinnung‘ in die Zeitung kommt.“

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„Genau so ist es mit dem Flaggen: erst steckt man zögernd ein paar Papierfähnchen auf den Balkon, und am Ende kauft man denn doch eine richtige Fahne, weil der Hausobmann einfach keine Ruhe gibt. Aber was bleibt einem schon anderes übrig – jetzt nach dem 13. August?“

Jetzt nach dem 13. August... „Früher haben wir doch wenigstens mal in Westberlin einen guten Film sehen, haben wir uns durch den Eintausch von ein wenig Westgeld manche kleine Freude gönnen, uns hier und da ein hübsches westliches Kleidungsstück zusammensparen können. Das alles hat uns weitergeholfen“, klagen die Menschen, und oft genug schießen ihnen dabei die Tränen in die Augen. „Vor allem aber wußten wir: wenn es eben gar nicht mehr geht, dann können wir weg! Das war der entscheidende Gedanke, der uns immer wieder Kraft zum Aushalten gab. Nun jedoch geht es bergab mit uns. Unser Leben erschöpft sich buchstäblich in der Sorge um das tägliche Brot und in der Arbeit. Aber auf diese Weise kommen wir wenigstens nicht zum Denken!“

Gewiß ist das Zonenregime bemüht, das Stimmungsbarometer mit allen möglichen Kunstgriffen um einige Grade hochzutreiben. Doch all die Tricks, die Fülle der Festspiele, Sportwettkämpfe und kulturellen Vorführungen verdecken den Alltag nicht lange, das alte freudlose Bild: geschäftig umherlaufende Hausfrauen; Kinder, die Altmaterial zum Verkauf durch die Gegend schleppen, und auf den verwitterten Bänken der Anlagen blasse Rentner. Nirgends mehr ein volles, kräftiges Lachen in der Öffentlichkeit. Nur ein Lautsprecherwagen der Volkspolizei, der „die lieben Dresdner Bürger“ mit lautstarker militär-musikalischer Untermalung zu einer Luftschutzübung einlädt. „Volkseigene Gasmaske gegen kapitalistische Atombombe“‚ spöttelt ein Jugendlicher im Vorübergehen.

„In unserer Jugend finden Sie die schärfste Ablehnung des Regimes“, sagte mir ein junger Arzt, der diese Bemerkung mitgehört hatte – „Aber wie lange noch?“ – „Vermutlich so lange, wie ihr Freiheitsbedürfnis mit verlogenen Tabus und Ausflüchten beschnitten wird. Sicherlich nehmen sich manche Eltern bei politischen Äußerungen vor ihren eigenen Kindern in Acht. Aber früher oder später kommen die meisten jungen Manschen bei uns doch dahinter, welches böse Spiel der Staat mit ihnen treibt.“

Fast jedes Gespräch schließt mit einem Ton der Bitterkeit. Allerdings ist auch nicht zu verkennen: Viele Mitteldeutsche – vor allem, im Innern der Zone – beginnen sich allmählich mit der Situation abzufinden; ja, sie suchen ihr sogar positive Seiten abzugewinnen. Dies gilt gerade für die verbliebene Intelligenz mittleren Alters, vor allem für die Techniker und die leitenden Angestellten, die wirtschaftlich gutgestellt sind. Ich habe sie auf der Eisenbahn in den Abteilen erster Klasse beobachtet: Sie fahren in gepflegter Kleidung zu ihren Arbeitsstätten, fachsimpeln wie Fachleute überall in der Welt, hecheln ein wenig Betriebsklatsch durch (wobei manches politische Protektionskind schlecht wegkommt) und stehen im übrigen den westdeutschen Verhältnissen, vor allem der „Adenauer-Politik“, mit gelassener, manchmal auch harter Kritik gegenüber. Sie verteidigen ihr Schulsystem und wehren sich gegen die „westdeutsche Propaganda“, wonach die fest im Schulplan aufgenommene stundenweise Berufsarbeit der höheren Klassen als „Kinderarbeit“ zu verwerfen ist. Sie empfinden übrigens den 13. August kaum als Zäsur, eher als Gleichstellung der Berliner Randbezirke mit den übrigen Gebieten Mitteldeutschlands.

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