Frauen mochten sie nicht. Sie waren degoutiert, lächelten überlegen, fühlten sich im Grunde aber eher ein bißchen beunruhigt, wenn irgendein Mann, und nun vielleicht gar der ihrer Wahl, Marilyn Monroe ins Kinoherz geschlossen hatte.

Jetzt brauchen sie nicht mehr zu bangen um Geschmack und Träume der Männer: Am 5. August, 3.05 Uhr mittelamerikanischer Zeit, wurde Marilyn Monroes Tod festgestellt.

Jetzt kann man es sich sogar leisten, die potentielle Konkurrentin lobend zu bedauern. Sie existiert nicht mehr. Alte Sprichwörter haben sich scheinbar mit Wahrheit erfüllt. Geld und Ruhm und Sex machen nicht glücklich. Man sieht es ja. Beruhigt stellen es diejenigen fest, die kein Geld und keinen Ruhm haben, von „Sex“ nicht zu reden. Ein kleiner Schauder läuft ihnen dabei über den Rücken, und wohlig kuscheln sie sich wieder in ihre geborgene Mittelmäßigkeit ein, in ihr unbegehrtes Dasein.

Sie tun gut daran, die Sekunde des Schauders nicht unnötig auszudehnen, denn sonst könnte ihnen unversehens klarwerden, daß Marilyn Monroes Schicksal nicht die alte Gleichung vom unverdienten Aufstieg und dem danach zwangsläufigen Fall ist, sondern daß Marilyn Monroe ein Opfer der menschlichen Gesellschaft wurde, von der sie selber ein Mitglied sind und in der sie selber leben bleiben wollen.

Diese Gesellschaft hatte bestimmt, daß Marilyn Monroe eine „Sexbombe“ sei. Sie hatte die unmenschliche Wortverbindung von Geschlecht und Krieg geschaffen, um in diesem Begriff ein in seiner Naivität und Verworfenheit unendlich attraktives Wesen einzufangen und dann das Ganze zum Symbol zu erheben. Erst als dieser Punkt erreicht war, begann Marilyn Monroes Karriere, erst das war der plötzliche Schritt vom unbekannten Mädchen, das sich mit Gelegenheitsarbeiten und Aktphotos über Wasser hielt, zum millionenschweren Hollywoodstar, zum erotischen Symbol unserer Zeit.

Marilyn ließ sich’s gefallen, sie sah zunächst wohl nur das Geld, den Ruhm. Aber dann machte sie eben den Fehler, den sie jetzt mit dem Tode bezahlen mußte. Sie wollte nicht mehr Medizin für sämtliche Neurosen der männlichen Kinobesucher dieser Welt sein. Sie nahm bekanntlich Schauspielunterricht, sie heiratete den hochintellektuellen Schriftsteller Arthur Miller. In ihrem letzten Interview, das sie am 3. August der amerikanischen Zeitschrift „Life“ gab, sprach sie es noch einmal aus: „Ich verstehe das nicht ganz – diese Sache mit dem Sex-Symbol... das Schlimme ist, daß ein Sex-Symbol zur Sache wird. Ich will aber keine Sache sein.“

Sie wollte kein Sinnbild sein, kein „pin-up“, keine Sache. Aber der Absprung ins „normale“. Leben gelang nicht. Ihre dritte Ehe ging in die Brüche wie die beiden vorangegangenen. Ihre schauspielerische Laufbahn entwickelte sich, obwohl sie ein großes Talent vor allem für komische Rollen hatte, nur in Grenzen. Marilyn Monroe hatte akzeptiert, hatte sich „groß herausbringen“ lassen in Hollywood-Träumen. Als sie erwachte, gab’s kein Pardon. Umkehr war nicht gestattet, und als sie es dennoch wollte, schaffte sie es nicht, ging bei dem Versuch kaputt,