Die Folge des totalen atomaren „Pattsˮ: Nur stärkere konventionelle Rüstung ermöglicht eine lückenlose Abschreckung

Von Helmut Schmidt

Manche der europäischen und gerade der deutschen Kommentare zu den jüngsten Umbesetzungen in der amerikanischen Generalität zeugen von einer besorgniserregenden Vereinfachung verwickelter Probleme. Weder ist die in diesen Kommentaren „neu“ genannte amerikanische Strategie neu, noch stammt sie allein von Kennedy oder von Taylor. Vielmehr ergab sie sichschon 1959 und 1960 als Konsequenz neuer Analysen der sich wandelnden strategischen Weltlage – aus Analysen, an denen eine größere Zahl hervorragender ziviler und militärischer Fachleute beteiligt waren (unter anderem Bowie, King, Kissinger, Knorr, Medaris, Nitze, Taylor, Wohlstetter, Wolfers).

Diese neue Strategie resultierte nicht nur aus dem Verlust der atomaren Monopolstellung Amerikas, sondern auch aus der Erkenntnis der qualitativen nuklearen Parität mit der Sowjetunion. Mehr noch: vor allem die Voraussicht beiderseitig unverwundbarer strategischer Nuklear-Waffen-Systeme und damit die Voraussicht eines stabilen Gleichgewichtes auf dem Gebiet strategischer Nuklear-Waffen, schließlich die Einsicht in die lebensbedrohende Gefahr der nuklearen Spirale (escalation) von der taktischen Atomwaffe bis zur H-Bombe mußten zwangsläufig zu neuen strategischen Vorstellungen führen.

Ein sorgfältiger Beobachter hätte die 1961 offiziell erklärten Ergebnisse des amerikanischen Umdenkens-Prozesses schon 1959 vorhersehen können. Nicht nur Kennedy und McNamara, die beide erst nach ihrem Amtsantritt die Verteidigungsprobleme des Westens in ihrer ganzen Komplexität erfaßt haben – jeder andere 1960 denkbare neue Präsident hätte prinzipiell zu gleichen Linien kommen müssen. Daß man hierzulande etwa Taylors 1960 erschienenes Buch erst heute ernst nimmt und dann auch noch gründlich fehlinterpretiert, spricht nicht für das strategisch-politische Verständnis in Deutschland, sondern höchstens für die jahrelange Wirksamkeit des Presseobersten Schmückle in der Ermekeilkaserne – und für die Beredsamkeit seines Herrn und Meisters.

So war in den vergangenen Wochen zu lesen, „daß es in der Konsequenz, wenn nicht in der Absicht der neuen, amerikanischen Strategie liegt, einen Krieg in Europa wieder möglich zu machen“. Oder: „Außer der geringeren Abschreckung verspricht die neue Doktrin den Europäern auch eine bei weitem geringere Sicherheit wirklicher Verteidigung, wenn die Abschreckung versagen sollte.“ Oder: „Daß der Gedanke der Abschreckung geschwächt wird, liegt auf der Hand.“ Warnend wird darauf hingewiesen, der Ausbau der konventionellen Bewaffnung dürfe nicht „mit atomarer Abstinenz gekoppelt werden, schließlich bestehe in Europa nach wie vor eine „Lücke auf dem Gebiete der nuklearen Mittelstrecken-Raketen“. Und man macht sich Sorgen um ein angeblich bevorstehendes „nukleares Disengagement der Vereinigten Staaten von Europa. Europa dürfe „nicht dem Schicksal eines konventionellen Krieges überlassen“ bleiben.

Ein Gutteil der zitierten Kritik und Abwertung der amerikanischen Strategie ist dem hervorragenden Intellekt des deutschen Verteidigungsministers entsprungen. Er selbst fügte diesem Chor die überflüssige Bemerkung hinzu: „Die Strategie des NATO-Bündnisses zur Verhinderung des Krieges muß erhalten bleiben.“ Was denn sonst? Warum streute Strauß Zweifel am Willen zum konsequenten Festhalten an dieser Grundthese aus? Wohin zielt er?